Sei wie ein Fels in der Brandung

Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen. Ich Unglückseliger, sagt jemand, daß mir dieses oder jenes widerfahren mußte! Nicht doch! sondern sprich: Wie glücklich bin ich, daß ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt!

(Marc Aurel, Selbstbetrachtungen IV, 49)

Áhkká

Die ersten Schneeschauer ziehen aus Nordwesten über den Akkajaure als wir in Ritsem ankommen. Es herrscht rauhes Wetter, das sehr schnell mit Sonnenschein wechselt, so wie das hier im nördlichen Sápmi üblich ist. Nachdem wir die kleine primitive Hütte an einem Hang des nördlichen Seeufers bezogen haben, blicken wir auf das gewaltige Massiv des Áhkká, welches sich langsam vor unseren Augen enthüllt. Nebel und Wolken lösen gegen Abend langsam auf.

Ritsem Stugor

Vor Jahren haben wir im finnischen und norwegischen Teil von Sápmi einige Sieidis aufgesucht. Das sind Opferstätten der Sami, die meist an signifikanten Landschaftspunkten errichtet wurden. Viele dieser Siedis wurden während der Verfolgung der Samen im Rahmen der Christianisierung entweder zerstört oder sind zu einem Art Geheimwissen jener Samen geworden, die sich ihren Glauben nicht nehmen lassen wollten. Inzwischen sind die Ethnologie und Religionswissenschaft dazu übergegangen, diese für die Samen bedeutsamen Orte in der Landschaft zu kartographieren, sie werden in einigen Fällen staatlicherseits unter Denkmalschutz gestellt. Einige, wie etwa der Ukonkivi bei Inari sind Touristenattraktionen geworden und haben all ihre heilige Aura verloren. Der Ukonvivi, der mit einem Touristenboot angefahren werden kann, ist nichts mehr als ein weinig begrünter Felsen im See, an dem Touristen ihren Müll hinterlassen. Sie schaffen es nicht, diesen wieder aufs Boot mitzubringen. Und im Übrigen ist dort kaum Platz für eine stille Andacht.

Das Áhkká – Bergmassiv, das wir dieses Jahr besuchen, ist auch ein Sieidi, ein heiliger Ort der Sami-Mythologie. Es trägt den Namen der Muttergottheit, die in der Mythologie in mehreren Formen erscheint: als Maderakka, der ersten Akka (Erdmutter) mit ihren drei Töchtern Sarakka (die Göttin der Fruchtbarkeit, Menstruation, Liebe, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt), Juksakka (der Beschützerin der Kinder) und Uksakka (jene Göttin, die das beginnende Leben im Uterus formt).

Die Heilige Mutter Áhkká

Wir sind also, folgen wir der Mythologie, am Beginn der Menschheitsgeschichte angelangt, an einem Ort, der heilig war und noch immer ist. Wer das Gebirgsmassiv sieht, wundert sich darüber nicht, so beeindruckend ist es. Es selbst besteht aus vier Gipfeln, von denen einer keinen Namen trägt. Glücklicherweise liegt das Bergmassiv im Stora Sjöfallet Nationalpark, sollte also die nahe Zukunft relativ unbeschadet von den Einflüssen der modernen Zivilisation existieren dürfen. Nur der Tross der Fernwanderer, die sich im Sarek bewähren wollen, zieht in den Sommermonaten vorbei, zwar von den Bergen beeindruckt, aber im Wesentlichen ihrer körperlichen Leistung verschrieben. Die Rentierherden passen hingegen ins Bild.

Immer wieder müssen wir beim Einrichten für die Nacht aus dem Fenster unserer kleinen Hütte schauen, welche direkt auf das Áhkká schaut. Wir beschließen mit dem Auto zum Ende der Straße in Ritsem zu fahren und parken uns dort, hoch oben beim Campingplatz und der bereits geschlossenen Jugendherberge ein. Ein anderes Auto steht bereits oben mit einem Fotographen, der sich ebenfalls in das Gebirgsmassiv verliebt hat. Draußen stehend und wegen des kalten Wetters auch in unseren Autos sitzend, verlieren wir uns in der Landschaft, im gleißenden Licht des Massivs und letztendlich im Beginn der Menschheitsgeschichte. So muss alles mit uns begonnen haben hier in Sapmí. Vor der grandiosen Kulisse des Akkajaure und des Áhkká fällt es nicht schwer, demütig zu sein.

Lütisburg und Isenring, im Jahr 1825

„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“, meinte Ovid und auf Deutsch heißt dies: „Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.“ Heute geht es dabei um Lütisburg im Toggenburg, das wir sehr gerne aufsuchen, weil sich in unmittelbarer Nähe der zusammenfluß von Necker und Thur befinden, eine wunderschöne Landschaft im Nagelfluhgebiet. Ich habe ja schon darüber an anderer Stelle geschrieben.

Vor kurzem bin ich auf das Buch von Johann Baptist Isenring aus dem Jahr 1825 aufmerksam geworden, das die Gegend an und um der Thur beschreibt. Glücklicherweise ist die Aquatintaserie „Thurgegenden“ auch im Gemeinschaftsprojekt einiger Schweizer Bibliotheken, e-rara genannt, zur Gänze anzusehen. Das Buch des 1796 in Lütisburg geborenen Schweizer Landschaftsmalers und Daguerrotypisten ist auch heute noch wunderbar und mit großem Gewinn zu lesen. „Man/frau müßte eigentlich einen zeitgemäßen Wanderführer daraus machen, ergänzt um den Wandel der Zeit, aber wertschätzend für das was hier Isenring graphisch und textlich erarbeitet hat“, denke ich und runzle die Stirn. Ich beginne so vieles und stelle so wenig tatsächlich fertig.

Einen kleinen Eindruck will ich Ihnen aber sehr gerne bieten. Dem Bild folgt ein Teil der Erläuterungen, die ebenfalls von Isenring geschaffen wurden. Eine Augen und Lesekostprobe also:

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Lütisburg
Diese romantische Ansicht ist von der Abendseite Lütisburg im Guggenloch aufgenommen. Gerade auf diesem Platze bildet der Gonzenbach, der sich hier in die Thur ergießt, einen schönen Wasserfall, der in unserer Ansicht verdeckt bleiben mußte. Die ganze Gegend zu und um Lütisburg hat mannigfaltig Anziehendes. Ob dem Orte fließt der Necker, com Säntis hersttrömend, in die Thur. Diese windet sich dann zur Hälfte um Lütisburg herum, wo eine gedeckte Brücke sich befindet. Lütisburg liegt selbst auf einer kleinen Anhöhe am rechten Thurufer mit mehreren zerstreuten Häusern auf beyden Seiten der Thur. Rechts aber, wo die Straße steil hinanzieht, liegt das Dörfchen Gonzenbach, mit einem guten Gasthofe.
Lütisburg ist eine paritätische Gemeinde von 670 katholischen und 460 evangelischen Einwohnern, welche sich neben dem weinbau hauptsächlich mit der Baumwollenweberey und dem Handel mit Produkten dieses Gewerbes beschäftigen. Diese Gemeinde verdankt ihren namen dem ehrwürdigen Schlosse, das hier ungefähr im eilften Jahrhundert von den Edeln und Grafen von Toggenburg erbaut, und gewöhnlich von einem Gliede aus der gräflichen Familie dieses Hauses bewohnt worden seyn soll. Das Schloßs wurde 170 von den Landleuten eingenommen. Gegenwärtig steht nur noch ein Seitenflügel, welcher seit 1815 zum katholischen Schulhause eingerichtet worden ist, das ein herrliches Schulzimmer hat, worin die Schule drey Viertheil des Jahres gehalten wird. Das übrige Mauerwerk des ehemaligen Schlosses ist 1811 zu der dortige neuen anmuthigen Kirche worden. In der Höhe jener stehen gebliebenen Mauer befindet sich das noch wohl erhaltene, in Stein gehauene gräfliche Toggenburger – Wappen. Hier ist ein bedeutender Durchpaßs von St. Gallen und Wyl nach Obertoggenburg.

Ein Blick auf Idda in der Natur um die Toggenburg

14432978119_f876c63fba_bBei meinem Aufstieg vom Kloster Fischingen aus, kam ich oberhalb des Höllwalds zu einer Waldkapelle, die der Idda von Toggenburg geweiht ist.  Kurze Zeit später, auf dem Plateau des Otteneggs eröffnete sich der Blick auf die Iddaburg, also jenem Ort, der auf den alten Ruinen der alten Burg erbaut wurde, an der Idda, eine schwäbische Adelige angeblich gelebt hatte.  Ich begegne ich einem alten Bauern, der noch per Hand Heu macht. Wir grüßen einander freundlich und er zeigt mit seiner Hand zur Iddaburg hinüber, wo die Kirchenglocken um halb elf Uhr vormittags zu schlagen begonnen haben. „Schön, nicht wahr?“, sagt er in seinem für mich halb verständlichen Schwyzerdütsch und beide sind wir froh, am Leben zu sein und uns an diesem Tag begegnen zu dürfen. Wir wechseln wenige, aber herzliche Worte. Er ist froh, in seinem Alter noch das Heu machen zu können. Idda scheint lebendig zu sein.

Weiter geht meine Wanderung auf den Grat, den höchsten Punkt des Thurgaus, weiter hinab nach Allewinden und von dort auf das Hörnli. Bei meiner Rückkehr nach Fischingen, wo ich auf den Bus nach Wil warte, führt mich der Weg an einer weiteren, der Idda geweihten Waldkapelle vorbei. Und schließlich, im Kloster Fischingen, werde ich von einem lokalen Führer als Pilger (v)erkannt. Er bietet mir an, mich der Führung durch die Pfarrkirche von Fischingen anzuschließen,was ich gerne annehme. Auch hier der prominente Verweis auf die Heilige, der ein ganzer Seitentrakt gewidmet ist. Pilger am Schweizer Jakobsweg (hier Schwabenweg genannt), die ihre Beine in eine Aussparung ihres Sarkophages stecken, dürfen erwarten, dass sie ihre Wanderung guten Fußes hinter sich bringen werden. Auch Wunschzettel werden dort eingeworfen. Es sieht so aus, als würde der Ort oft genutzt.

Seit jener Wanderung, an der ich so oft der Heiligen Idda begegnet war, läßt mich die Legende um diese (möglicherweise historisch belegte) Person nicht mehr los.

Warum geht es also bei der Legende der Idda von Toggenburg? Da ist zunächst die Fassung der römisch-katholischen Kirche. Die Geschichte der Frau, die angeblich im 12. Jahrhundert gelebt hat, aus Schwaben stammte und mit dem Burgherren Heinrich von Toggenburg vermählt war, fasziniert, ist sie doch ein Mosaik aus unterschiedlich beeinflußten Erzählsträngen , die bis heute lebendig geblieben sind. Erhalten geblieben ist ein lateinischer Text, der im 15. Jahrhundert vom Abt des Klosters Fischingen in Auftrag gegeben wurde, um damit die Legende in Verbindung mit dem Neubau des Klosters Fischingen neu zu beleben. Dieser vom Humanisten Albrecht von Bonstetten im Kloster in Einsiedeln im Auftrag des Abtes des Klosters in Fischingen verfaßte Text geht auf mündliche Überlieferungen aber auch auf Unterlagen zurück, die heute nicht mehr erhalten sind. Bis heute ranken sich um den Kern der Geschichte viele weitere kleine Geschichten, die das christlich-göttliche weiter dokumentieren und erweitern sollen. Der Bedarf an christlicher Tröstung durch Heiligengeschichten dürfte bis heute im Hinterthurgau groß sein. Und jede Epoche erzählt offenbar ihre eigene Iddalegende.

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Kurz zur Geschichte. Idda wird, verleumdet bzw. fälschlich beschuldigt, zum Opfer ehelicher Gewalt. Der eifersüchtige Ehemann und Burgherr stürzt seine Gemahlin aus dem Erker der auf einem hohen Felsen gelegenen Burg, wo sie aber nicht zu Tode kommt, sondern durch „Gottes Fügung“ mehr oder weniger unverletzt sich im Unterholz des Abhanges verfängt. Sie hält sich  eine Zeitlang versteckt und lebt versteckt in einer Höhle. Doch ihr Eremitinnendasein bleibt nicht verborgen. Nach ihrer Auffindung bleibt sie zunächst noch in ihre Klause leben, zieht dann jedoch in das nahegelegene Kloster Fischingen, das damals auch ein Frauenkloster beherbergt. Dort weiht sie ihr Leben einem neuen Herren, nämlich Jesus Christus. Den reuemütigen ehelichen Gewalttäter, der wohl das Gewalttätige seines Verhaltens reut und der sie zur Rückkehr in die Burg bewegen will, weist sie zurück. Und so lebt sie bis zu ihrem Tod im Kloster, als Inklusin eingeschlossen in ihrer Zelle und nur durch ein kleines Fenster mit der Umwelt verbunden. Den Versuchungen und Listen des Teufels widersteht sie. Heute ist sie die Schutzheilige bei Leib- und Kopfschmerzen, Schwangerschaftsbeschwerden und für das Wiederfinden von entlaufenem Vieh.

Interessant für dieses Blog macht ihre Geschichte jedoch erst durch die enge Verwobenheit eines persönlichen Schicksals mit der Natur, die bis heute mit dichten Wälder die steilen Hügel der Toggenburg und ihrer Umgebung prägt. Auf drei wichtige Natursymbole weist die Geschichte hin: den Raben, den Hirschen und die Höhle. Doch davon mehr in meinem nächsten Beitrag, denn da wird es nach all dem Vorgeplänkel richtig spannend.

 

 

Der Arboner Forst

gallusAbschließend an das vorhergehende Posting über Gallus und den Bären, in dem ich mich auf den Urwald von Arbon bezogen hatte, fand ich in dem online verfügbaren Buch von J.A. Zimmermann, Die Heiligen Columban und Gallus nach ihrem Leben und Wirken (1867) folgende längere Textstelle über den Arboner Forst im 7. Jahrhundert:

Südlich von Arbon stieg damals der Urwald vom Uferrande des Bodensees aud den Vorhügeln, Bergen und Alpen bis zur Kette des himmelanstrebenden Säntis oder Alpensteins. Der Geschichtsschreiber Ammianus Marzellinus weiß um das Jahr 370 rings um die Ufer des Bodensees nur von unzugänglichen Wäldern und öden Gegenden zu berichten; außer der altsrömischen Burg Arbon und der Station Pfyn im Thurgau und wenigen Kastells und Gehöften in den thurgauischen Niederungen waren in der Gegend, wo später das Kloster St. Gallen  zu stehen kam, und in dem ganzen Umkreise des Appenzeller Landes, des Toggenburges und bis nach Utznach und das östliche Ende des Zürichsees weder Weiler noch Burgen noch ortschaften anzutreffen. Wo St. Gallen liegt breitete sich damals eine weite Einöde oder Wildniß aus, die mit Wald bedeckt und mit wilden Tieren bewohnt und unsicher gemacht wurde. (S. 167f.)

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Der Bär und der Heilige

14541624699_5e7dea0778_bDieses Glasfenster habe ich auf der Iddaburg erst kürzlich fotografiert.

Dazu lese ich auf der Website von St. Gallen:

„Die Gründung der Stadt St.Gallen geht auf das Jahr 610 zurück. Glaubensboten aus Irland waren auf Missionsreise, man wollte die heidnischen Alemannen bekehren. Diese jedoch konnten sich noch nicht mit den Sitten und Bräuchen der christlichen Kirche anfreunden und schlugen die Glaubensboten in die Flucht. Die meisten flohen nach Norditalien oder fanden den Tod. Einer, Gallus folgte der Steinach bis bis an einen unüberwind- baren Wasserfall, der Mühleggschlucht.
Dort soll sich eines Nachts folgendes zugetragen haben: Gallus lag noch wach, sein Gefährte Hiltibod schlief, da tauchte plötzlich ein Bär auf. Gallus lies sich nicht einschüchtern, auch nicht als sich der Bär aufrichtete. Gallus sprach zu ihm: „Ich gebiete dir im Namen des Herrn. Nimm dieses Holz und trage es ins Feuer!“ Das grosse Tier gehorchte und trug das Holz zum Feuer. Anschliessend nahm Gallus seine Tasche und gab dem Bär ein ganzes Brot unter der Bedingung, dass er sich nie mehr in des Menschen Nähe zeige. Hiltibod hatte alles mitangehört sprang auf und sagte:“ Jetzt weiss ich, dass der Herr mit dir ist, wenn selbst die Tiere des Waldes deinem Wort gehorchen. Der Bär tauchte nie wieder auf.“

Und wieder denke ich über die Begegnung mit der Wildnis, diesmal in einer historischen Perspektive, nach. Die grüne Wildnis um St. gallen in einer Darstellung aus dem Jahr 1545, der ältetsten, noch verfügbaren.

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Die Eilende und der Troll

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Die beiden Flüsse Thur (dhu=die Eilende) und Necker (die Losstürmende) begrenzen das Toggenburg, die Necker fließt bei Lütisburg in die Thur. Knapp unterhalb (flußabwärts) gibt es eine breite Sandbank, an der im Sommer meist einem einfachen aber höchst beglückenden Vergnügen nachgehen: dem Wildbaden an einem Fluß. Dort haben wir uns vor einigen Wochen an einer versteckten und weidenüberhagenen Stelle niedergelassen. Als ich flußaufwärts watete, um Brennholz zu sammeln, habe ich mich wiederholt an derselben Stelle verletzt. Mehrere Wunden waren dies, die ich durch einen abgebrochenen Zweig am linken Oberarm und an der Hüfte davontrug und die nur sehr schlecht heilten. J. bemerkte mein Klagen und meinte schmunzelnd, dass ich wohl einen Naturgeist gestört hätte, der sich an diesem Ort niedergelassen hatte.

Ich nahm diesen Hinweis nach anfänglicher Skepsis ernst und bei meinem nächsten Besuch an diesem Wochenende brachte ich eines meiner aus Ton gefertigten Teelichthalter und Tabak mit, um an einer geschützten Stelle eine Art Altar zu bauen und mich bei dem Troll zu entschuldigen. Das Ritual war kurz, aber getragen von augenzwinkernder Ernsthaftigkeit.

Es wurde letztendlich ein wunderschöner Badetag an der Thur und es schien als hätte sich der Troll mit mir ausgesöhnt. Das Wasser war kalt, aber nicht zu kalt; der Fluß war reißend, aber nicht zu sehr, um darin zu schwimmen. Der Troll hatte mir an diesem Tag gutmütig für ein paar vergnügliche Stunden ein wenig Jugend wiedergeschenkt, die ich mit den Kindern mit Begeisterung teilte.

Bei den Kelten befand sich an Fluß- und Seenufern der Übergang zur Anderswelt. Diese Anderwelt hab ich schon immer gespürt.

 

Verrottbare Ritualgegenstände

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Bei Ritualen im Freien werden manchmal Teelichter verwendet. Manchmal, etwa an einem kiesigen Flußufer, spricht ja nichts dagegen, diese Kerzen brennen zu lassen, wenn man den Platz verläßt. Die kleinen Aluminiumbehälter allerdings bleiben dann ebenfalls zurück und müssen spätestens am nächsten Morgen eingesammelt werden. Verwendet man Teelichthalter und läßt diese zurück, kann es passieren, dass sie von vorüberkommenden Wanderern mitgenommen werden, bevor man die liebgewordenen Stücke wieder einsammeln kann.
J. konfrontierte mich deshalb mit der Aufgabe, ein Gefäß zu erfinden, welches man mit dem Wachsteil des Teelichtes im Wald zurücklassen konnte und das dort verrotten würde, ohne die Umwelt zu schädigen. Lange dachten wir nach und J. kam dann auf eine Idee, die wir verfolgen werden: selbstgemachte Teelichthalter aus ungebranntem Ton! Das Gefäß hätte entsprechend Festigkeit, um dem langsam abbrennenden Teelicht genügend Halt zu geben und das Tongegäß selbst würde bei entsprechendem Regen einfach wieder zu Erde werden. Eine erster Probelauf wird zeigen, ob diese Idee eine gute ist . Also ran ans Formen und Trocknen!

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Was ist ein „getaufter“ Brauch ?

In einer Kulturzeitschrift aus dem tiefkatholischen Niederösterreich namens schaufester kultur.region finde ich einen Artikel über des Pflanzensammeln im Sommer und den Brauch, diese am Kräuterweihtag zu Maria Himmelfahrt in der Kirche weihen zu lassen. Dabei handelt es sich in Niederösterreich üblicherweise um ein Sträußchen bestehend aus Hagebutte, Johanniskraut. Kamille, Pfefferminze, Rainfarn, Schafgarbe und Wilde Möhre. Regional verschieden sind natürlich die Kräuter, die man dazu verwendet, auch deren Anzahl kann zwischen den magischen Zahlen (3, 7, 9, 12) variiert werden. Dieser Brauch geht auf einen alten keltischen Brauch zurück. Zu Lughnasad, dem Wesen nach ein Erntedankfest, feierte man zu Ehren des Sonnengottes Lugh, und dabei spielte die dem Sinn nach ein Erntedankfest, bei dem auch die Kräutersegnung eine wichtige Rolle spielte. Diesen alten Brauch transferierte die Kirche einfach zu Maria Himmelfahrt und taufte ihn sozusagen, um ihn für eigene Zwecke zu nutzen.

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Interessant also , wie die katholische Kirsche mit den alten Bräuchen umging, die in Naturreligionen fußten. Einerseits betrachtete man als mehr als verdächtig, weil offenbar dem Aberglauben zugetan, andererseits machte sich die Kirche altes Brauchtum zunutze, um dieses quasi im christlichen Sinne umzudeuten. In diesem Sinne erscheint mir folgendes Zitat als besonders charakteristisch, das aus dem sogenannten Poenitentialis (Bussbuch) des Burchard von Worms (1010) entnommen ist:

Hast du Heilkräuter unter anderen Gebeten gesammelt als dem Absingen des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers? Wenn ja, dann hast du zehn Tage bei Wasser und Brot zu büßen.“

 

 

Ludwig Uhland: Sonnenwende

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.

Nur die Wachtel, die sonst immer
Frühe schmälend weckt den Tag,
Schlägt dem überwachten Schimmer
Jetzt noch einen Weckeschlag;
Und die Lerche steigt im Singen
Hochauf aus dem duft’gen Tal,
Einen Blick noch zu erschwingen
In den schon versunknen Strahl.

IF