Áhkká

Die ersten Schneeschauer ziehen aus Nordwesten über den Akkajaure als wir in Ritsem ankommen. Es herrscht rauhes Wetter, das sehr schnell mit Sonnenschein wechselt, so wie das hier im nördlichen Sápmi üblich ist. Nachdem wir die kleine primitive Hütte an einem Hang des nördlichen Seeufers bezogen haben, blicken wir auf das gewaltige Massiv des Áhkká, welches sich langsam vor unseren Augen enthüllt. Nebel und Wolken lösen gegen Abend langsam auf.

Ritsem Stugor

Vor Jahren haben wir im finnischen und norwegischen Teil von Sápmi einige Sieidis aufgesucht. Das sind Opferstätten der Sami, die meist an signifikanten Landschaftspunkten errichtet wurden. Viele dieser Siedis wurden während der Verfolgung der Samen im Rahmen der Christianisierung entweder zerstört oder sind zu einem Art Geheimwissen jener Samen geworden, die sich ihren Glauben nicht nehmen lassen wollten. Inzwischen sind die Ethnologie und Religionswissenschaft dazu übergegangen, diese für die Samen bedeutsamen Orte in der Landschaft zu kartographieren, sie werden in einigen Fällen staatlicherseits unter Denkmalschutz gestellt. Einige, wie etwa der Ukonkivi bei Inari sind Touristenattraktionen geworden und haben all ihre heilige Aura verloren. Der Ukonvivi, der mit einem Touristenboot angefahren werden kann, ist nichts mehr als ein weinig begrünter Felsen im See, an dem Touristen ihren Müll hinterlassen. Sie schaffen es nicht, diesen wieder aufs Boot mitzubringen. Und im Übrigen ist dort kaum Platz für eine stille Andacht.

Das Áhkká – Bergmassiv, das wir dieses Jahr besuchen, ist auch ein Sieidi, ein heiliger Ort der Sami-Mythologie. Es trägt den Namen der Muttergottheit, die in der Mythologie in mehreren Formen erscheint: als Maderakka, der ersten Akka (Erdmutter) mit ihren drei Töchtern Sarakka (die Göttin der Fruchtbarkeit, Menstruation, Liebe, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt), Juksakka (der Beschützerin der Kinder) und Uksakka (jene Göttin, die das beginnende Leben im Uterus formt).

Die Heilige Mutter Áhkká

Wir sind also, folgen wir der Mythologie, am Beginn der Menschheitsgeschichte angelangt, an einem Ort, der heilig war und noch immer ist. Wer das Gebirgsmassiv sieht, wundert sich darüber nicht, so beeindruckend ist es. Es selbst besteht aus vier Gipfeln, von denen einer keinen Namen trägt. Glücklicherweise liegt das Bergmassiv im Stora Sjöfallet Nationalpark, sollte also die nahe Zukunft relativ unbeschadet von den Einflüssen der modernen Zivilisation existieren dürfen. Nur der Tross der Fernwanderer, die sich im Sarek bewähren wollen, zieht in den Sommermonaten vorbei, zwar von den Bergen beeindruckt, aber im Wesentlichen ihrer körperlichen Leistung verschrieben. Die Rentierherden passen hingegen ins Bild.

Immer wieder müssen wir beim Einrichten für die Nacht aus dem Fenster unserer kleinen Hütte schauen, welche direkt auf das Áhkká schaut. Wir beschließen mit dem Auto zum Ende der Straße in Ritsem zu fahren und parken uns dort, hoch oben beim Campingplatz und der bereits geschlossenen Jugendherberge ein. Ein anderes Auto steht bereits oben mit einem Fotographen, der sich ebenfalls in das Gebirgsmassiv verliebt hat. Draußen stehend und wegen des kalten Wetters auch in unseren Autos sitzend, verlieren wir uns in der Landschaft, im gleißenden Licht des Massivs und letztendlich im Beginn der Menschheitsgeschichte. So muss alles mit uns begonnen haben hier in Sapmí. Vor der grandiosen Kulisse des Akkajaure und des Áhkká fällt es nicht schwer, demütig zu sein.

Schwanengesang

Die letzte Woche in Saskam waren von den lauten Geräuschen Wilder Schwäne begleitet, die sich am See vor unserer Haustür in Gruppen von zwanzig bis dreißig Tieren versammeln. Das gegenüberliegende Ufer ist weiß von ihren Leibern, die paarweise im Wasser lagern. Ihr gar nicht so angenehmes Rufen und Locken, ihr lautes Flügelschlagen auf der Wasseroberfläche, ihr aufgeregtes Getue, das selbst in den kalten Nächten kein Ende nehmen will, erinnert kaum an den sprichwörtlichen Schwanengesang, den dem Mythos nach sterbende Schwäne von sich geben sollen. Wir nennen unsere doch recht lebendigen Nachbarn deshalb scherzhaft und liebevoll Radaubrüder. Es ist ein aufgeregt schnatternder und diskutierender Haufen von Störenfrieden, die die fast absolute Ruhe an diesem See im Norden von Sápmi quälend of durchbrechen. Kein lieblicher Gesang, eher ein enervierendes Getröte, welches in seiner Ästhetik alles andere als schön ist. Fast könnte man es als Lärmbelästigung bezeichnen, wäre man als Städter nicht so fasziniert von dem ungewöhnlichen Treiben.

Auch in unserer Bucht tummeln sich die erregten Gesellen und hinterlassen am Morgen einen ganzen Felsstrand mit weißen Federn, die sie in ihrer Aufgeregtheit verloren haben. Ich turne auf den glitschigen Steinen herum, um schöne Exemplare für J. zu sammeln. Sie verwendet selbstgefundene Vogelfedern für die wunderschönen Traumfänger, die sie knüpft. Schwanenfedern hat sie meines Wissens noch nie verwendet.

K. und I., die Eigentümer unserer Hütte erzählen uns, dass sich die Schwäne um diese Jahreszeit in großen Gruppen sammeln, um gemeinsam ihren Flug in den wärmeren Süden anzutreten. Es sei das erste Mal, daß sie sich zum Sammeln „unseren“ See ausgesucht hätten, normalerweise passiere das an einem weiter entfernt gelegenen Gewässer. Gründe dafür wisse man keine. Gerührt fügt unserer männlicher Gastgeber hinzu, dass Schwäne als Paar ein Leben lang miteinander verbringen. Töte man einen von ihnen, bleibe der Hinterlassene am Ort und suche verzweifelt das Partnertier.

Was macht man also, wenn das laute Spektakel nach der ersten Wahrnehmung zu einem etwas nervenaufreibenden Getöne zu werden droht? Bei wem soll man sich beschweren? Bei Mutter Natur, die man ja in ihrer Bedrohtheit immer in Schutz zu nehmen gewillt ist? Die Einsicht, dass sie nicht nur eine kränkelnde alte Dame, sondern auch eine rücksichtslose Quartiergeberin sein kann, ist überraschend und ein wenig schmerzhaft. Womit hätte man so eine unerbittliche Geräuschkulisse im Urlaub eigentlich verdient? Vögelgeräusche sollen anmutig, lieblich und beruhigend wirken und die Tiere sich nicht als lärmende Nervensägen gerieren!

Und wenn die Schwanenmeute sich schon nicht entschließen kann, endlich in den Süden abzureisen, dann reist man/frau eben selber ab, zurück in die Lärmhölle unserer Städte. Der Urlaub ist ohnehin zu Ende. Dort, in der Stadt, wird uns das Krakelen der weißen Radaubrüder wie ein Ruf aus dem Paradies in Erinnerung geblieben sein. Ein Schwanengesang eben, ein Mythos vom schönen Leben.

Eine Frau Off the Grid

In einem Zeitungsartikel der NYT habe ich vor einem halben Jahr den Hinweis auf WILD  gefunden. Der Autor des Artikels hatte es in einen inhaltlichen Zusammenhang mit anderen Filmneuerscheinungen gebracht, die das Thema der Einsamkeit zum Inhalt hatten. Dabei wurde mir bewußt, dass viele dieser „Einsamkeiten“ auch mit der Konfrontation mit der Wildnis zu tun hatten.

Der Film stand wie bei anderen KritikerInnen am Beginn der Auseinandersetzung und waren für mich der unmittelbare Anlaß das Buch zu lesen. Wie auch andere hatte mich der Film bei Weitem nicht so beeindruckt wie das Buch und das lag wohl nicht daran, dass der Film versagt hatte, eine Geschichte gut zu erzählen. Allein, die Filmsprache vermag andere Dinge als die Literatur abzubilden. Ihr mangelt es wohl auch daran, eine Geschichte Schritt für Schritt sorgfältig entfalten zu können, auf wichtige Kleinigkeiten Wert zu legen und in die Tiefe zu gehen. So hat mich der Film nicht sehr berührt. Was der Film allerdings geschafft hat, war, mich auf das Buch aufmerksam zu machen. Den letzten Anstoß zur Lektüre hat mir allerdings die Rezension von MBuchling gegeben, die einen fairen Vergleich zwischen den beiden Medien angestellt und die Lektüre des Romans wärmstens empfohlen hatte.

Vielleicht noch eine weitere Vorbemerkung, bevor ich zur eigentlichen Rezension komme. Ich habe das Buch während zweier Reisen gelesen, einmal im Zug nach Prag und wenig später auf einer langen Reise nach und in Russland. Ich fand, dass dies dem Buch wohl angemessener war, als es zu Hause am bequemen Sofa zu genießen. Welch wunderbarer Reisebegleiter!

Doch nun zum Buch. Die Ausgangssituation des Romans ist schnell erzählt. Eine junge Frau, die sich durch das Zerbrechen ihrer Familie einer schwierigen existentiellen Situation ausgesetzt sieht, entschließt sich zu einem mehrmonatigen Hike Through des Pacific Crest Trails (PCT), welcher über Tausende Kilometer von der Grenze Mexikos bis an die kanadische Grenze reicht. Nein, winken Sie bitte nicht ab! Es handelt sich dabei nicht um die in letzter Zeit so en vogue gewordenen Wandererinnerungen von mäßig begabten SchriftstellerInnen, welche in den Regalen vieler Buchhandlungen auf uns warten. Jener Literaturtypus, die mit der Hoffnung auf spirituelle Läuterung auf Pfaden wie dem Jakobsweg spekulieren, ist leider literarisch sehr oft dupliziert worden und hat die bestehenden Wege zu einem rein touristischen Erlebnis verkommen lassen.

Das Buch ist auch kein Epigone des sehr erfolgreichen und ebenfalls verfilmten Buches von Jon Krakauer namens „Into the Wild“, welches die Geschichte vom Sterben eines naiven Aussteigers in Alaska erzählt. Und schon gar nicht ist das vorliegende Buch eines jener schriftstellerischen Bemühungen von Extremsportlern, die sich mit dem Verkauf von Büchern und anderen Souvenirs den vergangenen oder nächsten sportlichen Kick finanzieren wollen.

Die Heldin des Buches ist eine Heldin wie sie wohl in uns allen stecken mag, wenn wir nur den Mut hätten, dies zuzulassen. Sie ist eine Mittzwanzigerin, die sich in einer finanziell angespannten Sizuation entschließt, den PCT zu durchwandern, auf der Suche nach dem Abstand von ihrer Vergangenheit, mit dem Bedürfnis, sich inmitten ihrer persönlichen Irrungen und Verwerfungen selbst zu finden. Es ist weniger die heute so oft bemühte „Auszeit“ einer Karriere, die sie sich selbst verordnet als vielmehr ein existentieller Neuanfang, von dem sie weder am Beginn noch am Ende ihrer strapazöse Reise exakt weiß, wie er aussehen wird. All die Schicksalsschäge, auf die dieses Buch anspielt, hätten wohl auch uns passieren können: der Tod eines Elternteils, die darauf einsetzende Auflösung der Familienbande, materielle Armut, Scheidung, Drogen, bedeutungslose Affäeren. Doch hätten wir radikal neu beginnen wollen?

Es ist die Schwäche des Films, daß er sich zwar eng an den Roman hält, aber diese Schicksalsschläge dramatisch verdichten muß, um sie neben der dramatischen Naturkulisse wirksam zu machen. Im Roman tauchen diese Stationen des Lebens fast lapidar im Rhythmus des Gehens auf, angesichts der alltäglichen Sorgen und Misserfolge am Trail. Wie immer befällt uns das Schicksal im alltäglichen Gewand, zeigt sich als ein banaler Geselle, unscheinbar und unerbittlich zugleich. Der Trail und das Gehen ermöglicht uns nicht nur, Verdrängtes wieder ins Bewußtsein zu rufen,  sondern auch, es genauer anzusehen und mit ihm zu leben.

Uns an diesem Weg teilhaben zu lassen, das ist der Autorin ausgezeichnet gelungen. Behutsam und ohne große Emphase erzählt sie ruhig von den Veränderungen einer Frau auf einem langen schmerzhaften Weg zu sich selbst, in einer niemals zu einem Klischee entstellten Wildnis. Jeder, der jemals selbst einen Fernwanderweg über längere Zeit erlitten hat, weiß, daß die Autorin das miterlebt hat, wovon sie spricht.

Andrerseits ist das Buch auch kein platter Erfahrungsbericht, der sich in Details verläuft und zum larmoyanten Trailführer verkommt. Dass Gehen zur Medidation verführen kann, ist bekannt. Die repetitiven Bewegungen lassen die eigenen Geanken, Assoziationen und Empfindungen „fließen“. Und doch: auch der psychologistischen Verführung unterliegt die Autorin nicht. Ihr gelingt es, Selbsterfahrung, Naturerlebnis und körperliche Tortur zu einem wunderbaren Stück Unterhaltungsliteratur zu gestalten, das mich tief berührt hat. Nie peinlich, immer elegant und ohne jede Besserwisserei schafft sie es, in der tapferen Frau auf dem Trail das Wesentliche eines Lebens abzubilden.

Und wie so oft im Leben steht am Ende eine Normalität, die weder ein Heilsversprechen noch eine dramtische Erkenntnis darstellt, und doch alles von Grund auf verändert hat. Die Geschichte endet so unspektakulär sie begonnen hat:

„Dass das mein Leben war – wie jedes Leben rätselhaft, unabänderlich und heilig. So nah, so präsent, so fest zu mir gehörig. Und es, wie wild es auch sein mochte, so zu lassen.“

Ich empfehle diese Buch all jenen, die sich gerne auf schwierige Wege ins Ungewisse einlassen und dabei wissen, dass sie wahrlich keine HeldInnen sind.

Troll. – Zum Mythos Wildnis, Teil 7

Troll: Dämonisches Wesen der nordischen Mythologie, das männlich oder weiblich sein, die Gestalt eines Riesen oder eines Zwergs haben kann. (Duden)

Johanna Sinisalo: Troll. Eine Liebesgeschichte.
Tropen Verlag, Berlin 2005
ISBN 9783932170744, Gebunden, 264 Seiten.

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Alfred Smedberg: Niemals hatte der Junge Angst, 1912. Wikimedia Commons

Ein erfolgreicher Werbefotograf namens Angel rettet einen Troll (!) vor gewalttätigen Jugendlichen, verliebt sich in ihn, versteckt ihn in seiner Wohnung und muss letztendlich nach einem schrecklichen Vorfall mit ihm in den dichten Wald flüchten. Das ist die einfache und unwahrscheinliche Geschichte, welche die finnische Autorin Johanna Sinisalo auf vielschichtige Art mit vielen Kunstgriffen erzählt. Das Buch erschien 2005 und wurde rasch zum Bestseller.
Beim Durchsehen der Rezensionen zeigt sich recht rasch, wie unterschiedlich „Troll: Eine Liebesgeschichte“ rezipiert wurde. Während die einen das Buch als effekthascherisches Machwerk verurteilen, welches „ekelhaft postmodern“ sei, sehen andere darin einen Schwulenroman, der auf das Tier im Mann verweise und dritte vermuten gar sodomistisches Gedankengut. Sehr oft stürzen sich Rezensionen auch auf die im Buch beschriebenen Pheromone des Trolls, die all jene, welche ihm begegnen, auf intensive Weise sexuell erregen. Wir sehen: Bücher können auf verschiedene Weise gelesen und interpretiert werden. Das macht oft erst ihre Qualität aus. Ich habe das Buch auf meine Weise gelesen und möchte dabei zwei Aspekte hervorheben: (1) den Aspekt der Liebesgeschichte(n) und (2) den Aspekt des Umgangs mit dem Wilden und der Wildnis.Man möge sich nicht vom Buchtitel ins Bockshorn jagen lassen, denn nicht EINE Liebesgeschichte wird beschrieben (= jene von Angel zu einem von ihm vor gewalttätigen Jugendlichen geretteten Troll), sondern VIELE Liebesgeschichten (= jene aller Romanfiguren zu Angel). Erzählt werden dabei die unterschiedlichen Abarten von Liebe und deren Scheitern: Abhängigkeit, Berechnung, Enttäuschung, unerfüllte Sehnsucht,  Anziehung, Sexualität, Verzweiflung und Sadismus. Alle diese Liebesverhältnisse, die die ProtagonistInnen des Romans zu Angel entwickeln, führen letztendlich zur Katastrophe am Ende des Romans. Angel ist panisch getrieben von den Ansprüchen all derer, die sich in ihn verliebt haben und die sein Geheimnis zu entdecken drohen. Letztendlich bleibt ihm nichts anderes übrig als vor ihnen zu flüchten: mit ihm das Wesen, das er liebt und das er vor ihnen und der Polizei schützen muss. Es ist nicht allein die sexuelle Erregung, die ihn so eng an den Troll bindet, sondern Erotik, Zärtlichkeit und vor allem die Überzeugung, dass er dieses Wesen vor den Anderen und der Zivilisation schützen muss.Doch auch hier ist es möglich, das Geschehen anders zu lesen, nämlich als Parabel über den Umgang des Menschen mit dem Wilden. Denn einerseits wird der Troll im Roman durch die Werbewirtschaft hemmungslos als Sinnbild des Wilden ausgebeutet. Die Konsumgesellschaft in ihrer Fadesse und Orientierungslosigkeit dürstet nach dem ultimativen Thrill, nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem gefährlich Erscheinenden und Furchterregenden. Andrerseits hat die Menschheit im Laufe der Zivilisation verlernt, mit dem Wilden umzugehen und wird so unvermutet zu seinem  (un)wissenden Opfer und grausamen Täter. Drittens schlummert im Menschen das Wilde, das erst zusammen mit seiner Fähigkeit zur bewußten Entscheidung zur Grausamkeit wird, die andere Menschen wegsperrt, schlägt und tötet. Demgegenüber erscheint das Wilde im Tier als naiv und unschuldig, auch wenn es den Tod verursachen kann. Auch das erzählt dieses Buch, ohne allerdings ins weltanschaulich – philosophische abzugleiten

Der Troll selbst ist also in letzter Konsequenz nichts als ein Symbol für den letzten Rest an Wildnis, die wir in einem langen Zivilisationsprozess übrig gelassen haben und der wir mit zwiespältigen Gefühlen begegnen: mit Liebe, Angst und Hass. Ungewohnt ist der Umgang mit der Wildnis und dem Wilden in und um uns, weil wir gewohnt sind es ständig zu verdrängen. Klopft es einmal an unsere Tür, so führt es uns vielleicht an den Rand einer Katastrophe. Das Wilde verschlingt uns, ob im Guten oder Bösen.

Dass es Trolle als Tierwesen geben soll, ist selbstverständlich von der Autorin erfunden; dass sie uns in zahlreichen Texteinschüben aber derartig viele (auch konstruierte) wissenschaftliche Beweise für deren reale Existenz anbietet, ist ein perfides Spiel mit der Realität. Letztendlich neigen wir dazu, über deren mythologischen Befund hinaus an sie zu glauben. Liebe macht eben auch blind. Damit hat Johanna Sinisalo wieder etwas hergestellt, was wir mit Umberto Eco als „Hyperrealität“ bezeichnen können. Der Roman ruft vielleicht dadurch Dinge in uns hervor, die schon längst als „erledigt“ galten. Eine neue Realität entsteht, in der wir dem Anderen begegnen. Dafür gebührt der Autorin großes Lob.

Wen diese Zeilen neugierig gemacht haben, der bestelle schnell eines der wenigen Restexemplare, die es am Buchmarkt noch gibt. Es lohnt dann die Lektüre, wenn man sich selbst noch ein wenig Offenheit für das unerklärlich Fremde bewahrt hat.

Katzenmenschen – Zum Mythos Wildnis, Teil 6

Schöne Menschen sind sie ja: vier Schauspieler am Beginn der 80er Jahre: Nastassja Kinski, Malcolm Mcdowell, John Heard und Annette O’Toole. Ihre schönen, muskulösen und manchmal nackten Körper gleiten durch die Nacht. Drei von Ihnen tun das Unsägliche: sie leben den umkehrbaren Wechsel von Mensch zu Tier. Das ist, will man der Fiktion Glauben schenken, verdrängte Realität einer prüden Gesellschaft.

Catpeople
Nastassja Kinski auf der Fahrt in ihre tierische Existenz. Clip aus dem Film Cat People.

Mit diesem Artikel setze ich eine Serie fort, die ich andernorts begonnen habe und in der ich mich mit den modernen Phantasmagorien über die „Wildnis“ auseinandersetze.

Der Beginn des Filmes macht den Eindruck, als wäre der Plot tatsächlich an den Haaren herbeigezogen. In einem in Rotfarben getauchten Intro, sehen wir ein Menschenopfer, welches in einer prähistorischen Vergangenheit den Bestien der Wüste dargebracht wird. Offenbar wird hier ein Mythos etabliert, dem sich die Protagonisten des Films im St. Louis der 80er Jahre nicht entziehen können: der Mythos von den Katzenmenschen. Dieser Mythos von der Transformation zwischen Mensch und Tier wird im Dritten Teil des Films explizit wieder aufgenommen, indem das Irrationale der Geschichte einem verwirrten Publikum aus dem Off näher gebracht wird:

Vor langer Zeit, opferten unsere Vorfahren ihre Kinder den Leoparden. Die Seele der Kinder wuchs in den Leoparden bis die Leoparden zu Menschen wurden. Wir waren Götter. Wir sind eine Inzuchtrasse. Wir können nur unter uns lieben. Sonst verändern wir uns. Und bevor wir wieder Menschen werden, müssen wir töten.

(Katzenmenschen, Stimme aus dem Off.)

Wäre da nicht die wunderbare Musik von David Bowie, ich hätte auf diese Passagen eines plump erklärenden Narrativs, das so etwas wie Scheinrationalität herzustellen versucht, gerne verzichtet. Sie sind ästhetisch verwirrend, holzschnittartig, formal unnötig. Vor allem entzaubern sie den eigentlichen Plot und schmiegen sich an die Erklärungsversuche des verunischerten und damals wohl noch immer schockierten wie erregten Publikums. Der dargestellte Mythos wird so viel banaler als der eigentliche Plot. Das nimmt dem Film die eigentliche Stärke und Wucht. Und es desavoiert das prähistorische Geschehen als primitiv, entmenscht und unverständlich. Menschenopfer aber sind das nie: sie haben eine tiefverwurzelte und gesellschaftlich rationale Erklärung, so schrecklich sie uns heute auch erscheinen mögen.

Dennoch: Es gibt auch hier eine bemerkenswerte Szene: den Todeskuß des Leoparden. Als die junge Frau als Opfer für die Bestie an einen Baum genbunden wird, ist sie ein williges, sich nicht wehrendes Opfer. Die Bestie findet die Frau, richtet sich an ihr elegant auf, legt der Todeskandidatin sanft die Tatzen auf die Schulter und macht sich an ihrem Hals zu schaffen. Der Gestus ist erotisch und voller sublimer Lust – so als ob es sich um einen sexuell motivierten Ritualmord handle, in vollem (menschlichen!) Bewußtsein begangen.

Wie in jedem guten Film macht es die Möglichkeiten der Interpretationen aus, vor dem das Werk Bestand haben muss. Interpretationen gab es über den Film Katzenmenschen in 35 Jahren seit seiner Premiere einige: Manche sprachen von einem gelungenen Horror Movie, „which creates a mood of doom, predestination, forbidden passion, and, to be sure, a certain silliness“, andere von einem nicht überzeugenden erotischen Thriller, Dritte wieder von einem Film voller Gewalt- und Inzestphantasien für ein erwachsenes Publikum, manche Kritiker reden von einem provokativen Follow-Up des B-Movies von Jacques Tournier aus dem Jahr 1942.

Ein Tabu jedoch blieb in der Kritik jedoch meist ausgespart: die Möglichkeit der Verwandlung zwischen Mensch und Tier und die empörende Akzeptanz dieses Wechsels durch Außenstehende. Daß das Wilde in uns gezähmt werden muß, in einer ständigen zivilisatorischen Anstrengung und wir ihm niemals erliegen dürfen – das lernen wir von Beginn an in unserem Leben mit allen Konsequenzen: diesen Prozeß nennen wir Zivilisation. Auch lernen wir vom Tier als etwas Minderwertigem zu denken, das ohne Gefühle, ohne Sebstgefühl und ohne eigentliche Daseinsberechtigung dem Menschen untertan zu sein hat: das nennen wir Religion. Der Mensch als Gott des Tieres hat nur durch religion und Zivilisation Bestand! Dagegen setzt der Film seine Bilder und seine Handlung.

In Katzenmenschen erleben erleben wir, wie sich Mensch und Tier emotional und sexuell vereinen. Damit berührt der Film eines der letzten Tabus einer entsublimierten Gesellschaft. Wie schreibt Judith Hindermann:

Sex mit einem Tier – ein Tatbestand, der bis Ende des 18. Jahrhunderts in fast allen europäischen Staaten mit dem Tode bestraft und weit ins 20. Jahrhundert durch mehrjährige Gefängnisstrafen geahndet wurde – gilt, obwohl in den meisten Ländern Europas inzwischen straffrei, als das letzte Tabu in Sachen Sexualität und bleibt sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch in der erzählenden zeitgenössischen Literatur weitgehend ausgespart.

Judith Hindermann: Zoophilie in Zoologie und Roman. Sex und Liebe zwischen Mensch und Tier

Doch es ist nicht nur die Zoophilie, die hier an den Tabus der menschlichen Existenz rührt. Der Regisseur setzt noch eins drauf. Erst durch die geschlechtliche Vereinigung mit dem KatzenMENSCHEN wird diese/r zum Tier und dieses erst wieder zum Menschen. Die Vereinigung ist nicht nur Lustprinzip sondern vor allem Bedingung für die eigene Transformation. Allein der Inzest erlöst die Katzenmenschen. Er wird zur auslösenden Triebkraft des Films.

Was den Film so spannend macht, ist, wie Schrader die Grenzen zwischen Mensch und Tier ständig verschiebt, jedoch dabei die Gesetze der Filmkunst niemals verletzt. Das fiktive Spiel ist schillernd aber nie absurd. Doch Schrader ist nicht nur Provokateur. Er macht auch Zugeständnisse an die herrschende Moral: das gehört offenbar zum Spiel. Wie am Beginn des Filmes, wo dem Publikum der Hintergrund des Films fast schuldbewußt erklärt wird, schreckt Schrader auch am Ende vor dem völligen Tabubruch zurück. Die Frau endet nach einem Geschlechtsakt in Fesseln im Zoo ihres Liebhabers – als Panther hinter den Gitterstäben eines Käfigs.  Sie wurde (aus Liebe, wie uns Schrader weismachen will) gezähmt, dem Menschen wie dem Manne untertan gemacht. Die gesellschaftliche Ordnung ist wiederhergestellt. Allein der Mensch hat Zugriff auf das Tier: aber wer schützt es vor seinem Herrn?

Epilog

Nastassja Kinski hat in einer Late Night Show mit einem  unverschämt paternalisierenden David Letterman kokett wie berechnend eine weitere, allerdings stille Provokation gesetzt. Es geht dabei um ihr Bild mit der Schlange, das im Magazin Vogue erschienen war. Und das ist eindeutig sexistisch. Wir sind wieder in der Realität angelangt.

Wir und das Tier: ein problematisches Verhältnis

Dieses Mal fiel mir beim Abarbeiten meines Newsfeeds auf, daß sich sehr viele Postings mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier und unserem Ökosystem auseinandersetzen. Da ist uns viel misslungen im Laufe der Menschheitsgeschichte und aus den gesammelten Artikeln tönt ein verzweifelter, letzter Hilfeschrei nach Vernunft. In den Schrei muß ich leider einstimmen. Ob Lesen je geholfen hat, dem Lauf der Welt ein wirksames und kollektives Nein entgegenzusetzen, frage ich mich. Andrerseits mag  ich dem letzten Rest an Aufklärung, der in unserer Gesellschaft noch zu finden ist, nicht auch noch die Grabrede halten. Also bleibe ich dabei:  Lesen, lesen und verstehen! Damit man handeln kann.

rentiergeweih
Rentiergeweih in Finnland. Copyright: Gkowar

In einem schnoddrigen und hingerotzten Gedankenparcour schreibt Paul Jandl in der NZZ (dt.) über den „Animal Turn“ des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier und macht damit deutlich, wen er verachtet, nämlich beide, Mensch und Tier: „Schon wegen der Gefahr, dass das Glück einseitig ist, stehe ich in keiner Beziehung zu einem Tier.“  Da ist mir im Sinne einer global orientierten Ethik und intellektuellen Redlichkeit schon lieber, wenn jemand wie Simon Barnes seine Bücherzensionen (eng.) ernst nimmt und die rhetorische Frage stellt: „Why humans need to rethink their place in the animal kingdom?“ Natürlich kann die NZZ auch anders und ernst, etwa wenn sich Damiano Cantone mit der wachsenden Bewegung der Antispeziesisten auseinandersetzt, die die „irreduzible Distanz zum Tier“ aufheben wollen. An anderer Stelle (eng.) geht es um das Verhältnis des Menschen zu seinem nächsten Verwandten, dem Affen:  „A history of humans trying and failing to understand the minds of apes“, ist dabei der Untertitel. Ich denke, authentischer ist es, über sich selbst bzw. die eigene Gattung zu schreiben als über die anderen. Wobei ein behutsames Verstehen des Tieres ja nicht verboten sein kann. Denn wär hätte je an die Diversität innerhalb von Tierfamilien als Bedingung für Überleben gedacht?

Tier und Mensch sind ein untrennbarer Teil des Ökosystems. Deshalb darf man sich schon fragen, was wir unserem Planeten schulden (eng.) und wie wir unseren ethischen Verpflichtungen konsequenter nachkommen können als bisher. Man möchte sich den Argumenten von Bernardo Araujo (eng.) gerne anschließen, der für die ethische Verantwortung des Menschen für die Bewahrung jedes Lebens bzw. unseres ökologischen Systems plädiert. Ein interessanter Sonderfall ist dabei wohl sicher die proaktive Bewahrung der alten Wälder (eng.).

Problemstellungen und Dystopien alleine sind aber meiner Meinung nicht genug: deshalb dürfen wir uns schon an den wunderschönen Landschaften des Nordens, darunter auch die Lofoten ergötzen. Es gibt ja so viel Schönes zu sehen, wenn man nur hinsehen will. Man muß dazu ja nicht zum Jupiter reisen.

„Top of the Lake“ – Zum Mythos Wildnis, Teil 5

Wie verarbeitet eine Filmemacherin, die sich in ihrem Schaffen vorrangig mit Frauenschicksalen befaßt hat, die Wildnis? Klischeehaft denke ich, dass eine engagiert weibliche Betrachtungsweise einen fundamentalen Unterschied nahelegt zur sonst gebräuchlichen filmischen Verarbeitung der Natur. Ich spreche hier von Jane Campions sechsteiliger Miniserie Top of the Lake, die im November 2013 auf Arte ausgestrahlt wurde, aber auch als Video on Demand am Kunstkanal Mubi und auf Netflix angesehen werden kann. Am Stück habe ich sechs Stunden genossen und bin recht nachdenklich zurückgeblieben.

Oberflächlich betrachtet könnte man Top of the Lake als Krimiserie ansehen, in der es um das Verschwinden einer mißbrauchten, schwangeren Zwölfjährigen in den Bergen eines fiktiven Ortes namens Laketop geht. Dem geht eine in ihren Heimatort  zurückgekehrte Ermittlerin nach, die im Laufe ihrer Ermittlungen einen Sumpf aus Gewalt und unbewältigtem Leid freilegt, der auch sie nicht unbeschadet läßt.  Das wäre ja durchaus Stoff für eine jener Durchschnittsserien britischer, us-amerikanischer oder skandinavischer Provenienz. Jane Campion und Garth Davies machen mehr daraus und drehen im Queenstown Lake District in Neuseeland ein beeindruckendes Drama um dunkle Geheimnisse und kaum verdrängte Gewalt in überwältigender Landschaft. Unwillkürlich fühlte ich mich an die Kultserie Twin Peaks erinnert, doch die Irrfahrten menschlicher Befindlichkeit führen bei Campion nicht wie bei David Lynch ins Absurd – Okkulte, sondern ins Zentrum dessen, was wir in uns nur schwer beherrschen können, ins halb Verdrängte, Vergessene und Unaussprechliche verwirrender Seelenlandschaften.

Gleich zu Beginn wird klar gemacht, dass die Wildnis am Ende der Welt nicht für Projektionen der ZuschauerInnen zur Verfügung steht. Am Ende eines über 70 Kilometer langen Sees, der in einer einsamen, schwer zugänglichen und von dichten Wäldern geprägten Gebirgslandschaft liegt, siedelt sich in einem Containerdorf eine Gruppe von Frauen an, die in einer Art Selbsthilfegruppe ihren traumatischen Erfahrungen mit Männern nachhängen.

William Blake: The Tempation of Eve.
William Blake: The Tempation of Eve.

Der Ort heißt ironischerweise Paradise, entsprechende Erwartungshaltungen werden aber gleich mit dem Motto der ersten Miniserie konterkariert: mit Lost Paradise wird sie, offenbar in Anspielung an John Miltons Paradise Lost bezeichnet.  Kaum Aussicht auf Hoffnung also für die Geschlagenen denn an psychische Genesung ist nicht zu denken, trotz aller Bemühung um Selbsterfahrung, Medidation und andere sozialtechnologische Praktiken. Auch das Eintauchen in die Szenerie der Landschaft hilft nicht mehr. Die Unschuld und das Potential der Wildnis ist zu Ende, wenn Menschen in ihr leben.  Das Paradis ist verspielt. See, Wald und Berge sind statt dessen dramatische Kulisse und unheimlicher Ort entsetzlicher Geheimnisse – selten aber Vehikel der ganz großen Gefühle von Zärtlichkeit und Liebe. Draußen Wildnis, aber auch in den Menschen Wildnis, welche um ein Vielfaches grausamer sein kann als die Herausforderungen durch die Natur. Das Paradies ist verspielt.

Machen wir uns nichts vor, der Mythos Wildnis wurde wohl von einer eigenartigen Spezies von Männern konstruiert; von Pionieren und Bezwingern, skrupellosen Unternehmern, siegreichen Pseudohelden, rauhen Vereinsamten und sadistischen Irrläufern. Der patriarchal organisierte Zivilisationsprozeß mag wohl letzten Endes ein Fehlschlag gewesen sein. Frauen gehen vielleicht anders vor. Doch Campion disillusioniert auch hier, denn längst ist die Natur keine Heilerin mehr und Frauen nicht ihre Verbündeten. Anstatt das naheliegende Klischee von der „Heilenden Natur“ oder „Mutter Erde“ aufzugreifen, bleibt die Sicht der Regisseurin auf die Natur seltsam distanziert. Denn wo der Mensch sich nicht helfen kann, da kann auch die Natur nichts tun. Wie ein Raubtier fauchend, erschießt ein Opfer bedenkenlos all jene, die sie und ihr Neugeborenes zu bedrohen scheinen – auch die Natur in uns kennt keine Moral, wenn es ums Überleben geht. Rat weiß letzten Endes auch die von der Frauenkommune unfreiwillig zum weiblichen Guru erhobene Führerin G.J. im verlorenen Paradies  nicht zu geben. Der in sich selbst verstrickten Ermittlerin prophezeit sie nur Unheilvolles und als diese am Boden zerstört ist, darf sie nicht auf Hilfe hoffen. Allein den Rat, sich wie eine Katze zusammenzurollen und schlafend sich selbst zu heilen, will G.J. geben. Einsam ist der Mensch in der Wildnis, aber noch einsamer mit sich selbst.

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Aus dem Vorspann des Films

So leiden Mann und Frau, jeder für sich und gegeneinander. Sie stehen einander schroff und unversöhnlich gegenüber, bereit einander Böses anzutun und am Anderen zugrunde zu gehen. Beide leiden, die Männer allerdings an der Spitze der Verteilungspyramide. Wie kann Natur da noch helfen? Hilflos sieht sie als Kulisse zu, so daß es fast weh tut, sich ihrer Schönheit hinzugeben. Sie umhüllt die Akteure so, wie das eiskalte Wasser des Sees diejenigen, die darin umkommen wollen und es doch nicht alleine schaffen. Nur manchmal blitzt die Schönheit auf, wie das Moos des Waldes, das die beiden Liebenden umhüllt. Unter der spiegelglatten Fläche des Sees lauert nur Leiden, nie aber Trost.

Einsam in die Wildnis. Zum Mythos Wildnis, Teil 4.


In der dieswöchigen NYTimes Beilage des heutigen Standard lese ich einen interessanten Artikel von Michael Cieply: In a Wired World,  Movies About Being Alone. Da ich mich auf diesem Blog sehr gerne mit den Bildern und der Symbolik von Wildnis beschäftige, habe ich hier eine kurze Zusammenfassung verfaßt:

***Ausgehend vom dem Anfang Dezember 2014 in den USA erscheinenden Film Wild,  bei dem es um eine Alleinbegehung des Pacific Crest Trails nach der Buchvorlage von Cheryl Strayed geht, bemerkt der Artikelautor einen kleinen,  aber ständigen Strom von Filmen, bei denen es um die menschliche Einsamkeit gehe. Andere Beispiele seien Johannes Currans Tracks (2013) (Durchquerung der Australischen Wüste), Deepsea Challenge 3D (2014) (eine Tiefseetauchfahrt), Alfonso Cuarons Gravity (2013), J. C. Chandors All is Lost (2013) (ein einsamer Seemann auf Hoher See), Into the Wild (2007), The Deep (1977), 127 Hours (2010), Grizzly Man (2005), Moon (2009). Die Philosophieprofessorin Kathleen Dean Moore stellt diese Filme in eine lange Reihe von Geschichten über einsame Abenteuer in der Wüste oder zu Wasser, etwa die biblische Geschichte von Jonas und dem Wal, Robinson Crusoe oder der Film Cast Away aus dem Jahr 2000.  Demnach scheine sich die beobachtbare Sehnsucht nach einem Leben off the grid Jahr für Jahr zu steigern , wie die Sprecherin der amerikanischen Initiative Reboot, Tanya Schevitz, betont. Immerhin seien es heute 240 Organisationen, die sich am National Day of Unplugging beteiligen. 2011 waren es noch 50. Der Filmhistoriker David Thomson hält allerdings dagegen, dass man noch nicht von einem nachhaltigen Trend sprechen könne.***

Der Artikel ist kurz und sehr kursorisch geschrieben. Schön aber das viele Material und die vielen Hinweise, die mich nun doch einige Zeit beschäftigen werden. Siehe dazu auch meine anderen Blogbeiträge:

Das Wilde in uns und dessen Abwehr

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Einladung vom Zeremonienmeister zum Gespräch unter Bäumen

Wie jedes Jahr reise ich im September nach Genshagen, um dort an der Akademie unter Bäumen teilzunehmen. Unter zwei großen Eichen sind Gartenbänke im Kreis aufgestellt, auf denen Menschen Platz nehmen, um über europarelevante Themen zu sprechen. Das Grundprinzip ist die wertschätzende Kommunikation: viele halten sich daran. Diesmal geht es um Roma/Sinti und kulturelle Bildung.

In der Natur zu sitzen und miteinander zu sprechen, verbreitet bei manchen ambivalente Gefühle. Man/frau ist an klimatisierte Räume gewohnt; hier im Park besteht die Gefahr mit jedweder Unbill der Natur konfrontiert zu werden, das sind diesmal konkret der Wind, ein paar wenige Regentropfen, das Rauschen der Blätterkronen, einige kleine Spinnentiere. Der Aufenthalt da draußen scheint von so viel Unwägbarkeiten bedroht.  Sebst eine kleine Spinne, die an der Jacke eines Refernten herumkrabbelt, kann dann in ängstliche Sorge versetzen. Lieber wird da der Referent in seinem Vortrag unterbrochen als das kleine Tierchen weiterhin gewähren zu lassen.

Spöttische Abwehr auch, als ich zwei Anwesende im Plauderton darauf hinweise, daß wir unter einer Eiche sitzen, einem Baum mit sakraler Bedeutung für die Kelten. Ich bezeichne den Ort unter dem Baum als möglichen Kraftort, gut geeignet um konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Das mit den Eichen wird gar nicht gern gehört, das mit den Kelten auch nicht. Der Missbrauch, dem so manche Natursymbolik im Nationalsozialismus  ausgesetzt war, wiegt heute bei den Deutschen offenbar noch immer schwer. Bin ich also ein alternder Spinner, ein durchgeknallter Esoteriker oder gar ein Ewiggestriger? Irritationen allerorten über das Bedrohliche in und um uns.

Am Abend vorher hat man/frau uns eingeladen, uns auf die Bilder einzulassen, die in den Räumen des Schlosses aufgehängt wurden, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Tatsächlich ist es so, dass die Bilder weniger über die dargestellten Personen erzählen, als vielmehr bewirken, dass wir sie als Anlaß nehmen können, mit uns selbst auseinanderzusetzen. Verdrängte, wilde, ungezähmte Gefühle also, mit denen wir uns ungern konfrontieren. Tatsächlich betrachte auch ich diese Bilder mit Unbehagen und würde sie nur ungern in meine Wohnung hängen. Aber sie faszinieren mich doch sehr und lassen mich eine Zeitlang nicht los.

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Lita Cabellut

Die Bilder sind von der spanischen Künstlerin Lita Cabellut, die bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr teilweise auf der Straße lebte, bevor sie von einer spanischen Adelsfamilie adaptiert wurde. „Durch ihr neues Lebensumfeld wurde sie an die Kunst herangeführt. Später studierte Cabellut an der Gerriet Rietveld Akademie in Amsterdam Malerei. Den bisherigen Höhepunkt ihrere Karriere erreichte Cabellut mit ihrer Ausstellung in Paris, wo sie innerhalb weniger Tage  alle ausgestellten Bilder verkaufte. Seit den letzten zwei Jahren eroberten ihre Gemälde die Museen der Welt. Lita Cabellut arbeitet vor allem auf großformatigen Leinwänden und bedient sich expressiver Gesten. Bevorzugt bildet sie vom Leben gezeichnete Menschen ab. Dabei versucht sie, neben dem Schmerz, Leid und Ellend vor allem ihre menschliche Größe, ihre „Grandeur“ zu zeigen. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Den Haag.“ (Zitat Seminarunterlagen Genshagen)

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Lita Cabellut