Den Spuren der Stechpalme folgen

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1. DIE UNGELIEBTE: Dort, wo ich sehr hohe Stechpalmen (ganze Bäume!!)  gefunden und auch meinen Ogham Stick geschnitten habe, treffe ich vor wenigen Tagen auf den Bauern, dem der Wald gehört. Es sei ihm, sagt er, bewußt, dass die Stechpalme unter Naturschutz stehe, dass sei ihm aber recht egal. Wenn sie störe, werde sie einfach weggeschnitten. Tatsächlich ist das stachelige Wesen nicht beliebt, es stört, es sticht und kratzt und wächst so schnell und unbändig vor sich hin.  Das mag niemand, wenn der Wald zu pflegen ist. Dieses unangenehme, aggressive Stechen! Nur dort, wo die Tiere ihre immergrünen Blätter nicht fressen können, nämlich in der Höhe, sind sie nicht mit Stacheln bewehrt. Die gute Stechpalme hat auch mir schon mehrmals wehgetan. Doch ist sie schön anzusehen. Die immergrünen Blätter, die roten Beehren, das unter der Rinde verborgene weiße Holz, welches man/frau so gut für Intarsien verwenden kann.

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2. DIE AUFREGEND GEFÄHRLICHE: Fest steht, die roten Beeren, die sich im Winter zeigen, sind giftig. Und auch dem Genuß der Blätter traut die Fachwelt nicht so richtig. Als Arzneimittel werden diese nur in der Schweiz verwendet. Der Baum, so heisst es, sei ein Eindringling aus Südwest- und Westeuropa, und so einem fremd-heimischen Gesellen, dem mißtraut man wohl grundsätzlich. Auf alle Fälle wird vor Selbstmedikation gewarnt. Doch will ich mehr über ihn erfahren. So wende ich mich an seinen nächsten Verwandten, dem Matebaum, aus dessen Blättern in Südamerika ein kräftiger Aufguß bereitet wird. Ich kaufe Matetee und eine weitere Packung vermischt mit Kräutern. Es ist verlockend ihn zu trinken, er belebt mich, läßt aber auch mein Herz ganz stark schlagen. Doch das kann ich jetzt, in diesem Moment, gerade NICHT gebrauchen: das ist bedrohlich und macht mich krank. Ich weiß: mir ist das Gewächs in jedem Fall gefährlich und doch zieht es mich an.

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3. DIE GESELLIGE: Am Anfang meiner Spurensuche im Tree Ogham habe ich mir die Frage gestellt, in welcher Reihenfolge ich die Bäume des keltischen Alphabets besuchen und kennenlernen sollte. Ich begann mit der Tanne, neben ihr sah ich die Stechpalme und ihre Freundin die Buche. Sie wuchsen zusammen und immer deutlicher besser lernte ich auf meinen Streifzügen durch den Wald ihre Lebensgemeinschaft kennen. Eines Tages am Lagerfeuer vermochte ich auch die Energie zu spüren, die zwischen den drei Bäumen herrschte. Ich saß da, hielt den Tannen Ogham Stick in meiner Linken und jenen der Stechpalme in meiner Rechten, fest umschlossen. Vor mir sah ich auf einmal die Buche. In diesem Dreieck floß die Energie, stark und stetig. In der Mitte loderte mein Lagerfeuer. Was ich sonst nur im Vorbeigehen bemerkt hatte, die Einheit von Tanne/Fichte/Föhre, Stechpalme und Buche: sie spürte ich als Brennen und Knistern in meinen Händen und Armen. Ich lernte, dass man sich treiben lassen und dabei offen bleiben muss in der Zuwendung zu den Bäumen.

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In den Sandbergen der March

IF   Mehrere Hinweise haben mich auf die March aufmerksam gemacht. Da war einmal jener ausgezeichnete Universum-Bericht über das einzigartige Ökosystem entlang der March. Dann las ich über das Projekt des Alpen-Karpaten-Korridors, welches den freien Wildwechsel von den Karpaten über die March- und Donauauen bis in die Alpen zu ermöglichen versucht. Unmittelbarer Anlaß war aber der Föhrenwald in den Sandbergen bei Drösing, ganz im Sinne meiner Suchbewegung im Tree – Ogham, wo ich mich nie zwischen Tanne und Kiefer entscheiden hatte können. Nebenbei wollte ich auch noch drei Caches loggen, die in den Marchauen zwischen Sierndorf und Drösing lagen und an denen ich nicht vorübergehen konnte.

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Wie also entstanden diese Sandberge? Auf einem Hinweisschild der Umgebung konnte ich entnehmen: Die Flußniederung der March wurde durch die Hochwasserdynamik in der Vergangenheit immer wieder umgestaltet. Bei Niedrigwasser fielen riesige Sandbänke trocken, aus denen der Wind Feinsedimente aufwirbeln und verblasen konnte. Das feinkörnige Material wurde im Postglazial meist nur über geringe Distanzen verfrachtet und lagerte sich teilweise in Form von Sanddünen ab. Um die Flugsande zu stabilisieren, wurde das Gebiet  „In den Sandbergen“ im 19. und 20. Jahrhundert gr0ßflächig aufgeforstet, so dass die charakteristische Silbergras-Flur allmählich verschwand. Doch nur vorübergehend: Als vor einigen Jahren der Oberboden einer Schlagfläche abgetragen wurde, konnte sich aus den im Sand eingeschlossenen Samen innerhalb weniger Monate wieder eine Silbergras-Flur etablieren.

Diese Geschichte mochte ich, wies sie doch auf die Charaktaristik unserer Kulturlandschaft hin, die so viele mit der „Natur“ verwechselten.

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Nachdem ich längere Zeit die Fichtenwälder durchstreift hatte, machte ich mich querfeldein über die weiten, landwirtschaftlich genutzten (?) Flächen der Au, welche immer wieder von den typischen Kopfweiden durchzogen waren. So landete ich schließlich auf dem Weg nach Drösing. Obwohl es schon spät war, versteckte ich mich rechtsab an einem Altarm der March im Wald, um mit meinen Kocher Tee zuzubereiten. Über mir kreisten Reiher und Schwarzstörch, die böse Geräusche ausstießen. Die Sonne ging unter und Dämmerung brach herein. Es wurde kalt. In der Dunkelheit kam ich am Bahnhof an: überraschenderweise war das Bahnhofsgebäude geöffnet, sodaß ich die halbe Stunde Wartezeit im Warmen verbringen konnte.

Über die Nutzbarkeit der Tanne

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Meine Konzentration auf die Tanne/Fichte hat mich zu Einsichten gebracht: Dinge vielleicht, die ich ohnehin schon gewußt habe, welche ich aber nun einer Zusammenschau konzentriert erkenne. Es geht dabei darum, wie oft und wofür ich sie schon bei meinen Aufenthalten im Freien genutzt habe. Hinzugekommen ist eine neue Einsicht, die ich durch meine Ogham relevanten Rituale gewonnen habe: man sollte Einverständnis mit den Bäumen herstellen, die man für sich nutzen will. Das klingt in Zeiten wie diesen sehr versponnen, wenn nicht gar verrückt. Dazu muss ich sicherlich hier schreiben, um zu erklären, was genau diese Aussage für mich bedeutet.  Doch nun zur Tanne, die ich hier stellvertretend für all Kieferngewächse nehme.

* Es ist schön bei Tannen zu sitzen, die so gerade in den Himmel wachsen, wie ein Rückgrat, das wir in unserem Privat- und Berufsleben so stark vermissen. Es ist aber auch beeindruckend zu sehen, wie Föhrenzweige sich biegen und winden können und trotzdem stark und knorrig daherkommen. Und so nutze ich den Baum um über mich und mein Leben nachzudenken. Aber es gibt natürlich auch banale Dinge, die sich fürs Bushcraften hervorragend nutzen lassen und die mehr auf das Pragmatische und die ganz konkrete Nützlichkeit zielen.

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* Die abgestorbenen Äste an ihren Stämmen dienen ausgezeichnet zum Anfeuern, da sie im Vergleich zum herumliegenden Altholz fast immer trocken sind. Aber Achtung: die Bruchstelle sollte sich nicht direkt am Stamm, sondern eine Handbreit daneben sein.

* Auch die Zapfen lassen sich hervorragend zum Anfeuern verwenden.

* Das Harz, mit denen die Bäume ihre Wunden verschließen kann man dreierlei nutzen. Einmal als sehr guten und lange anhaltenden Brennstoff beim Anfeuern und andrerseits als gutes Antiseptikum bei offenen, auch blutenden Wunden, die man sich im Wald zugezogen hat. Einfach flüssiges Harz auf die Wunde schmieren. Und schließlich kann man damit Kaugummi produzieren – die Anleitung dazu gibts im Youtube Kanal von phreshayr. Wichtig ist dabei, das Harz sehr vorsichtig vom lebenden Baum abzutragen, weil dieses ein wichtiger Schutz für den Baum ist. Um Harz immer bereit zu haben, sammle ich es auf meinen Wanderungen in kleinen Plastikdöschen.

* Eine andere Art, von Tannen Harz zu gewinnen, ist das Aufstechen der sogenannten Harzblasen auf der Rinde des Baumes, von wo sich ein besonders  reines und flüssiges Harz für die Wundversorgung und das Feuermachen gewinnen läßt. Martin Fürst hat in einem Beitrag darauf hingewiesen.

* Tannen oder Fichtennadeln, insbesondere die jungen Triebe im Frühling, machen einen ausgezeichneten Tee. Eine Handvoll dieser Triebe ins kochende Wasser geben, aufkochen und wenige Minuten ziehen lassen, bis sich die Nadeln weissgelb färben. Wer den Absud mit viel Zucker mischt, gewinnt den sogenannten „Wipferlsirup“, der gegen Husten und zur Stärkung der Atemwege verwendet wird.

* Ebenso kann man Kienspan aus den Baumwurzeln herausschneiden, Stücke Holz, an denen sich das Harz so stark eingelagert hat, dass das Holzstück seidig-fett glänzt. Es ist ebenso ein ausgezeichneter Tinder, insbesondere wenn man es vorher mit dem Messer in kleinen Spänen abschabt und auf das kleine Häufchen seinen Zunder richtet.

* Um aus Baumharz Kaugummi zu gewinnen, das ist zwar etwas mühsam, aber Northwest Bushceaft und Survival zeigt, wie das auch mit einfachen Mitteln gelingen kann: How to make spruce pitch gum.

Wer darüber hinaus sich über die Nutzbarkeit der Tanne als heilkräftiger Baum informieren will, der kann dies ja bei Miriam Wiegele tun.

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Aber ohne Lametta, bitte !

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Zurück in Wien, aber die Gegenwart der Tanne und der anderen Kiefergewächse verläßt mich auch in der Stadt nicht. Beim Gang zur Müllsammelstätte in einem naheliegenden Park sehe ich die ausgedienten Christbäume auf ihre Wiederverwertung in der Wiener Müllverbrennung warten. Von dort werden sie der Fernwärme zugeführt. Ich habe erfahren, dass mit den der Verbrennung zugelieferten Wiener Christbäumen (das sind rund 6700 Tonnen und 135.000 Stück) rund 3000 Wiener Haushalte einen Monat lang im Winter beheizt werden können. Das sind beeindruckende Zahlen. Die Aktion läuft noch bis 18. Jänner 2014.

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