„The Trap“, Zum Mythos Wildnis, Teil 3

Je öfter ich den Film auf Youtube betrachtete, umso verstörter wurde ich. Die Gewalttätigkeit und Verrücktheit, die sich zwischen einem Trapper und einer stummen Frau in einer Log Cabin am Rande eines Sees in British-Columbia entspinnt, ist exzeptionell. Solcherart wird selten gezeigt und kann kein us-amerikanischer Film sein. Und tatsächlich, es ist ein kanadisch – britischer Spielfim aus dem Jahr 1966.

them murdering blackfoots….montana, 10 years ago, this coming christmas eve. the whole lot were thrust up and burning like roast pigs, children as well. And her mother, nailed to a wall, dying. And Eve, hidden under a bench saw everything. No wonder she was struck dumb.

Wildnis überall um und in den Menschen; wenn man sich mehr Zivilisation wünscht, dann hier, in diesem Film. Frauen werden in einem kleinen Ort im Outback nach Ankommen des Fährschiffes versteigert, ein traumatisiertes Mädchen hat als einzige einen Indianerangriff überlebt und ist daraufhin verstummt. Schrecklicherweise wird gerade Eve von der Herrin des Hauses, in dem sie adoptiert wurde,  an den Wüterich der verkauft; und der ist schon im Intro des Filmes als verrückt lachender Kanufahrer in den Stromschnellen eines Flusses ausgiebig gezeigt worden. In weiterer Folge wird gesoffen, gefressen, den Menschen Gewalt angetan, vergewaltigt, verletzt, getötet. Fast hat man das Gefühl, die Handlung und Schauspielerführung sei dem Regisseur aus dem Ruder gelaufen, der Wahnsinn hätte die Realität überwältigt. Die kanadische Wildnis ist an Schrecklichkeit nichts gegen die Grausamkeit der Protagonisten und der Leidensfähigkeit ihrer Opfer. Wenn die Wildnis im Menschen aufbricht, dann wird sie fürchterlich. Elfriede Jellinek hat darüber in ihrem Buch Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr ausgiebigg reflektiert, freilich im Kontext der romantischen Verklärung von Natur der 80er Jahre.

Beim Stöbern zu mehr Informationen über den Film bin ich meist nur auf lobende Rezensionen gestoßen, die ganz und gar nicht meiner Rezeption entsprechen. Nur die Impressionen der Schriftstellerin Silvia Szymanski  schienen meines Erachtens die Wucht der Brutalität, die in diesem Film immer präsent ist, begriffen zu haben:

… dieses ruhige jemanden Anstarren, während er so was von geladen ist mit Sex und Zorn. Das impulsive Umschwenken der Stimmung. Die Augen, die offensichtlich nachdenken, ob man sein Gegenüber auffressen, umhauen oder flachlegen sollte. Das herausfordernde, physische Selbstbewusstsein. Das primitiv Gebieterische.

Das Primitive, Egoistische, Zerstörerische, das in einen anderen Körper Eindringende, das ist die Wildnis in uns. Die Ausgesetztheit tut weh. „Wie ein Schrei im Wind“, heisst deshalb der Film mit seinem deutschen Titel. Das mag herzzerreißend klingen, doch der englische Titel  „The Trap“ ist tatsächlich gefinkelter. Auch in der ehemaligen DDR hat man von dem Film mehr verstanden: „Die Falle“ heißt er dort.

Denn nicht nur eine selbstgelegte Bärenfalle wird dem Helden zum Verhängnis und führt dazu, dass er hilflos der von ihm gekauften und gepeinigten Frau ausgeliefert ist; die Falle besteht auch darin, dass letztere in einem Blockhaus mit ihrem Peiniger und (fast) Vergewaltiger überleben muss: physisch und psychisch. Ihre neue Heimstätte wird zur Falle, in der sie sich windet und dreht und wenige Mittel findet, um sich zu schützen. Erst als die Wildnis, die das Blockhaus umgibt, in den inneren Ring der Brutalität und Wildheit eindringt, verkehrt sich das Abhängigkeiteverhältnis von Frau zu Mann. Wölfe fallen den verletzten Peiniger an, er muss gerettet und sein Bein amputiert werden. Das kehrt die Hierarchie komplett um. Die Axt in Händen der Heldin könnte auch töten. Doch der Peiniger ist zum Kind geworden, ausgeliefert und verletzlich. Letztendlich, nachdem sie sein Leben gerettet hat, wird es ihr möglich, zu fliehen. Nur weil er behindert ist, kann Sie sich durch Flucht von ihm befreien.

Doch die Rückkehr ist enttäuschend. Anstatt sich über die bevorstehende Hochzeit mit einer Jugendliebe zu freuen, begreift die Heldin das Leben dort als Falle, eng, auslaugend, bedrückend. Schnell kehrt sie ins Blockhaus am See zurück, wo sie letztendlich bei ihrem amputierten Peiniger mehr Freiheiten besitzt und mehr Zuwendung bekommt. Sie hat gelernt, mit der Wildnis umzugehen: als Fallenstellerin und Dompteurin des Bösen im Anderen. Und gleichzeitig bezahlt sie mit Isolation, in der Hütte am See in der kanadischen Wildnis. Doch allein gelassen war sie auch schon in der Zivilisation.

Zum Mythos Wildnis, Teil 1: Into the Wild

Zum Mythos Wildnis, Teil 2: Mountain Men

„Into the wild“ – Mythen der Wildnis, Teil 1

Viel Aufhebens ist gemacht worden um das Buch und den Fim, die beide vom Mythos der Selbstfindung in der Wildnis Alaskas erzählen: Into the Wild erzählt die Geschichte eines Vierundzwanzigjährigen aus West Virginia namens Chris McCandless, der nach dem Bruch mit seiner Familie und zweijährigem Trampen durch die USA in einem alten Bus am Rande eines Nationalparks in Alaska an Entkräftung stirbt. Die Geschichte muss wohl in seinen Grundzügen auf einer wahren Begebenheit basieren, wirbt doch selbst die eigene Familie mit dem Tod des Jungen, selbstverständlich für einen guten Zweck. Bald aber wird daraus ein Kassenschlager, insbesondere als sich Hollywood der Geschichte annimmt. Survival und Road Movie zugleich, wird von zwei Toden erzählt: dem physischen und dem sozialen Tod, eines von der Erwachsenenwelt zutiefst verstörten Jungen. Diese Geschichten sind bekannt, zur Genüge ausgebreitet seit uns larmoyante Platitüden aus Hollywood mit billigen Emotionen versorgen. Es fällt schwer, nicht zynisch zu werden.

McCandless represents the human urge to push the limits of experience, to live a life untouched by the trappings of culture and civilization. Now that portrait has been taken up by the ultimate mythologizer: Hollywood.

schreibt Mathew Powers in seinem kritischen und lesenswerten Essay The Cult of Chris McCandless, in dem er auf die 15 jahre Medienaufgeregtheit zurückblickt. Alaska meets Jugendrebellion meets Hollywood meets Selbstfindung: fürwahr ein etwas überbordender Reigen an konstruierten Bedeutsamkeiten. Was Motorrad und Marihuana für Easy Rider war, ist Alaska dem mittellosen Stromer, der auf genug Geld zurückgreifen kann, um Kreditkarten zerschneidend darauf verzichten zu können. So ändern sich die Zeiten.

Ich bekam Buch und Film 2009 von einem wanderbegeisterten Sozialwissenschafter ans Herz gelegt, dem ich Irrationalität nie nachgesagt hätte. Das macht mich stutzig, insbesondere, wenn ich spüre, wie leicht dieser Film auch zu kritisieren ist. Was hat es mit dem Symbol Alaska auf sich, das ja nur stellvertretend für den schwindenden Anteil von Wildnis an unserer Welt steht. Mit welchen Sehnsüchten haben wir zu rechnen, frage ich mich, und wohin treiben sie uns, wenn wir ihnen nicht entsagen wollen. Dass bedrohliche Wildnis genug in uns ist und sie den dünnen Firnis unserer Zivilisation so leicht durchbricht: auch das ist eine Binsenwahrheit, auf die wir seit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts immer wieder hingewiesen werden. Dass wir aber ständig außerhalb von uns nach Wildnis suchen, in der trügerischen Hoffnung auf Ruhe und Frieden, das ist nun doch bemerkenswert. Sie zu finden ist gefährlich, denn man mag darin nur sinnlosen Tod finden: auch dafür steht Alaska.

Ist also Alaska nur ein melodram, ein medial gepushtes Konstrukt, mit dem wir die Routinen und Bedeutungslosigkeiten unseres Lebens kompensieren wollen? Reality Shows haben sich auf den Weg gemacht, den Mehrwert Alaska und Wildnis für die Mediengesellschaft zu entdecken: davon wird an anderer Stelle in diesem Blog die Rede sein.

Siehe auch: „Mountain Men“ – Mythen der Wildnis, Teil 2