Gehen, dann verschwinden

Habe gerade auf Mubi einen sehr schönen Film entdeckt und in mich aufgesogen. Marché puis disparaitre von Romain Kronenberg (Frankreich, 2013). Ich denke darüber:

Die Gelassenheit der Zeitwahrnehmung macht es möglich, im Film den Blick  für die kleinen Veränderungen zu öffnen, die sich unspektakulär ereignen. Wer die unerträglichen Bilder erträgt, wird belohnt durch das Angebot von Meditation über die Dinge um uns herum. Und all das passiert dann: Gehen als Form des Nachdenkens; Flanieren als Möglichkeit, sich den Dingen zuzuwenden; Unnötiges, Unlogisches als letzte Bastion im Fieber der Gegenwart.

Für mich spiegelt der Film die Essenz des Gehens über lange Strecken und ein wenig erinnert mich der Inhalt des Films auch an die Intention des Sultanswegs.

Indes, das offizielle Interpretationsangebot ist eine völlig Andere. Man lese auf der Website von Kronenberg. Dort sind auch zwei kurze Filmausschnitte zu sehen.

 

Segen der Erde (1) – der Film

Immer wieder habe ich im Laufe meines Lebens an das Buch von Knut Hamsun gedacht, für das er 1920 den Nobelpreis bekommen hat: Markens Grøde (dt. Segen der Erde). Vor kurzem habe ich es wiedergelesen, als mir ein alter verstaubter und vergilbter Band in die Hände gefallen ist. Unvergesslich die ersten Seiten des Romans, in denen der „Held“ Isaak das (scheinbar unberührte und herrenlose) Stück Land für sich absteckt und mit den rudimentärsten Werkzeugen (Axt und Messer) das Land urbar macht. Ja, diese Art von einfachem Leben hat mich immer schon angesprochen. Holzschnittartig breitet sich das einfache Leben vor meinem geistigen Auge aus, entfaltet sich ein linearen Lebensentwurf aus der Sicht eines Mannes, der heute wohl kaum als politisch korrekt bestehen kann.

So sperrig dieses Buch geschrieben ist, so erratisch wirkt auch der Stummfilm aus dem Jahr 1921, der auf Youtube nun frei verfügbar ist, und der sich mit seinem Drehbuch eng an den Erzählstrang des Buches hält. Regie führte der Däne Gunnar Sommerfeldt. 1993 wurden die beiden bis dahin vorhandenen Fassungen des Films zusammengeführt und restauriert.

Sehnsüchte nach den einfachen Leben werden wach, wenn auch wissend, wie eng die zivilisationskritische Aussage mit der Verklärung des Bauerntums verknüpft ist, Damit hat schließlich auch die Nazi Ideologie gut zu spielen gewußt. Dennoch: Fasziniert verfolge ich den ethnographischen Aspekt des Films: die Feuerstellen, Werkzeuge, Kuksas, Blockhausarchitektur u.v.a.m Und dann kommt auch noch das Volk der Samen vor. Dazu wird es an anderer Stelle mehr zu erzählen geben.

„Top of the Lake“ – Zum Mythos Wildnis, Teil 5

Wie verarbeitet eine Filmemacherin, die sich in ihrem Schaffen vorrangig mit Frauenschicksalen befaßt hat, die Wildnis? Klischeehaft denke ich, dass eine engagiert weibliche Betrachtungsweise einen fundamentalen Unterschied nahelegt zur sonst gebräuchlichen filmischen Verarbeitung der Natur. Ich spreche hier von Jane Campions sechsteiliger Miniserie Top of the Lake, die im November 2013 auf Arte ausgestrahlt wurde, aber auch als Video on Demand am Kunstkanal Mubi und auf Netflix angesehen werden kann. Am Stück habe ich sechs Stunden genossen und bin recht nachdenklich zurückgeblieben.

Oberflächlich betrachtet könnte man Top of the Lake als Krimiserie ansehen, in der es um das Verschwinden einer mißbrauchten, schwangeren Zwölfjährigen in den Bergen eines fiktiven Ortes namens Laketop geht. Dem geht eine in ihren Heimatort  zurückgekehrte Ermittlerin nach, die im Laufe ihrer Ermittlungen einen Sumpf aus Gewalt und unbewältigtem Leid freilegt, der auch sie nicht unbeschadet läßt.  Das wäre ja durchaus Stoff für eine jener Durchschnittsserien britischer, us-amerikanischer oder skandinavischer Provenienz. Jane Campion und Garth Davies machen mehr daraus und drehen im Queenstown Lake District in Neuseeland ein beeindruckendes Drama um dunkle Geheimnisse und kaum verdrängte Gewalt in überwältigender Landschaft. Unwillkürlich fühlte ich mich an die Kultserie Twin Peaks erinnert, doch die Irrfahrten menschlicher Befindlichkeit führen bei Campion nicht wie bei David Lynch ins Absurd – Okkulte, sondern ins Zentrum dessen, was wir in uns nur schwer beherrschen können, ins halb Verdrängte, Vergessene und Unaussprechliche verwirrender Seelenlandschaften.

Gleich zu Beginn wird klar gemacht, dass die Wildnis am Ende der Welt nicht für Projektionen der ZuschauerInnen zur Verfügung steht. Am Ende eines über 70 Kilometer langen Sees, der in einer einsamen, schwer zugänglichen und von dichten Wäldern geprägten Gebirgslandschaft liegt, siedelt sich in einem Containerdorf eine Gruppe von Frauen an, die in einer Art Selbsthilfegruppe ihren traumatischen Erfahrungen mit Männern nachhängen.

William Blake: The Tempation of Eve.
William Blake: The Tempation of Eve.

Der Ort heißt ironischerweise Paradise, entsprechende Erwartungshaltungen werden aber gleich mit dem Motto der ersten Miniserie konterkariert: mit Lost Paradise wird sie, offenbar in Anspielung an John Miltons Paradise Lost bezeichnet.  Kaum Aussicht auf Hoffnung also für die Geschlagenen denn an psychische Genesung ist nicht zu denken, trotz aller Bemühung um Selbsterfahrung, Medidation und andere sozialtechnologische Praktiken. Auch das Eintauchen in die Szenerie der Landschaft hilft nicht mehr. Die Unschuld und das Potential der Wildnis ist zu Ende, wenn Menschen in ihr leben.  Das Paradis ist verspielt. See, Wald und Berge sind statt dessen dramatische Kulisse und unheimlicher Ort entsetzlicher Geheimnisse – selten aber Vehikel der ganz großen Gefühle von Zärtlichkeit und Liebe. Draußen Wildnis, aber auch in den Menschen Wildnis, welche um ein Vielfaches grausamer sein kann als die Herausforderungen durch die Natur. Das Paradies ist verspielt.

Machen wir uns nichts vor, der Mythos Wildnis wurde wohl von einer eigenartigen Spezies von Männern konstruiert; von Pionieren und Bezwingern, skrupellosen Unternehmern, siegreichen Pseudohelden, rauhen Vereinsamten und sadistischen Irrläufern. Der patriarchal organisierte Zivilisationsprozeß mag wohl letzten Endes ein Fehlschlag gewesen sein. Frauen gehen vielleicht anders vor. Doch Campion disillusioniert auch hier, denn längst ist die Natur keine Heilerin mehr und Frauen nicht ihre Verbündeten. Anstatt das naheliegende Klischee von der „Heilenden Natur“ oder „Mutter Erde“ aufzugreifen, bleibt die Sicht der Regisseurin auf die Natur seltsam distanziert. Denn wo der Mensch sich nicht helfen kann, da kann auch die Natur nichts tun. Wie ein Raubtier fauchend, erschießt ein Opfer bedenkenlos all jene, die sie und ihr Neugeborenes zu bedrohen scheinen – auch die Natur in uns kennt keine Moral, wenn es ums Überleben geht. Rat weiß letzten Endes auch die von der Frauenkommune unfreiwillig zum weiblichen Guru erhobene Führerin G.J. im verlorenen Paradies  nicht zu geben. Der in sich selbst verstrickten Ermittlerin prophezeit sie nur Unheilvolles und als diese am Boden zerstört ist, darf sie nicht auf Hilfe hoffen. Allein den Rat, sich wie eine Katze zusammenzurollen und schlafend sich selbst zu heilen, will G.J. geben. Einsam ist der Mensch in der Wildnis, aber noch einsamer mit sich selbst.

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Aus dem Vorspann des Films

So leiden Mann und Frau, jeder für sich und gegeneinander. Sie stehen einander schroff und unversöhnlich gegenüber, bereit einander Böses anzutun und am Anderen zugrunde zu gehen. Beide leiden, die Männer allerdings an der Spitze der Verteilungspyramide. Wie kann Natur da noch helfen? Hilflos sieht sie als Kulisse zu, so daß es fast weh tut, sich ihrer Schönheit hinzugeben. Sie umhüllt die Akteure so, wie das eiskalte Wasser des Sees diejenigen, die darin umkommen wollen und es doch nicht alleine schaffen. Nur manchmal blitzt die Schönheit auf, wie das Moos des Waldes, das die beiden Liebenden umhüllt. Unter der spiegelglatten Fläche des Sees lauert nur Leiden, nie aber Trost.

Einsam in die Wildnis. Zum Mythos Wildnis, Teil 4.


In der dieswöchigen NYTimes Beilage des heutigen Standard lese ich einen interessanten Artikel von Michael Cieply: In a Wired World,  Movies About Being Alone. Da ich mich auf diesem Blog sehr gerne mit den Bildern und der Symbolik von Wildnis beschäftige, habe ich hier eine kurze Zusammenfassung verfaßt:

***Ausgehend vom dem Anfang Dezember 2014 in den USA erscheinenden Film Wild,  bei dem es um eine Alleinbegehung des Pacific Crest Trails nach der Buchvorlage von Cheryl Strayed geht, bemerkt der Artikelautor einen kleinen,  aber ständigen Strom von Filmen, bei denen es um die menschliche Einsamkeit gehe. Andere Beispiele seien Johannes Currans Tracks (2013) (Durchquerung der Australischen Wüste), Deepsea Challenge 3D (2014) (eine Tiefseetauchfahrt), Alfonso Cuarons Gravity (2013), J. C. Chandors All is Lost (2013) (ein einsamer Seemann auf Hoher See), Into the Wild (2007), The Deep (1977), 127 Hours (2010), Grizzly Man (2005), Moon (2009). Die Philosophieprofessorin Kathleen Dean Moore stellt diese Filme in eine lange Reihe von Geschichten über einsame Abenteuer in der Wüste oder zu Wasser, etwa die biblische Geschichte von Jonas und dem Wal, Robinson Crusoe oder der Film Cast Away aus dem Jahr 2000.  Demnach scheine sich die beobachtbare Sehnsucht nach einem Leben off the grid Jahr für Jahr zu steigern , wie die Sprecherin der amerikanischen Initiative Reboot, Tanya Schevitz, betont. Immerhin seien es heute 240 Organisationen, die sich am National Day of Unplugging beteiligen. 2011 waren es noch 50. Der Filmhistoriker David Thomson hält allerdings dagegen, dass man noch nicht von einem nachhaltigen Trend sprechen könne.***

Der Artikel ist kurz und sehr kursorisch geschrieben. Schön aber das viele Material und die vielen Hinweise, die mich nun doch einige Zeit beschäftigen werden. Siehe dazu auch meine anderen Blogbeiträge:

Die Geierwally

Heute,  auf dem Flug nach Wien, lese ich im Standard einen Artikel über die Geier-Wally,  eine Person,  über die meine Familie öfters gesprochen hatte, allerdings immer in einem leicht spöttisch Ton. Die Geier-Wally ware in den 50 Jahren in den Kinos gewesen, eine Heimatschnulze allererster Klasse, ein Sujet, das die sozialdemokratisch geprägten  und im Nationalsozialismus aufgewachsenen Städter unbewußt ablehnten aber dennoch mit maliziösem Behagen zerrissen. Immerhin, die Heldin war eine Frau mit einem nicht undramatischen Schicksal und die Fünfzigerjahre waren wohl anfällig für Familiengeschichten jedweder Art.die-geierwally--2

Für mich, der ich diesen Film weder gesehen noch das Buch gelesen habe, war die Geier-Wally nur eine Kunstfigur, die meine Eltern im Kino kennengelernt haben und über die Mutter und Großmutter anzügliche Bemerkungen austauschten. Sie hatten die Geier-Wally sowohl in der nationalsozialistischen als auch in der Nachkriegsfilmversion gesehen.  An Herz und Schmerz, Heimat und Frauenklischees war ich weder damals noch später interessiert.
Nun aber lese ich mit großem Interesse, das es die Geierwally tatsächlich gegeben hat,  und zwar als Anna Stainer-Knittel,  die in den Tiroler Alpen 1841 geboren wurde und als erfolgreiche Kunsthändlerin 1915 starb. Als Siebzehnjährige soll die Tochter eines Büchsenmachers die jungen Männer ihres Dorfes beschämt und wohl auch ein wenig erniedrigt haben,  als sie,  ganz im Sinn eines männlichen Initiatsionsritus, in eine Wand eingestiegen war,  um von dort junge Adler aus dem Nest zu holen. In der Logik der damaligen Zeit wurde das Reißen jungen Viehs durch die Bauern nicht toleriert. Der Nestraub an exponierten Felswänden gehörte allerdings zu den nicht ungefährlich Mutproben,  die die Geierwally wohl bravourös meisterte.

„Wo es was Gefährliches zu vollbringen gab, da war von Kindheit an die Wally dabeigewesen und hatte die Buben beschämt. Schon als Kind war sie jung und ungestüm wie die jungen Stiere des Vaters, die sie bändigte. Als sie kaum 14 Jahre alt war, hatte ein Bauer an einer schroffen Felswand das Nest eines Lämmergeiers mit einem Jungen entdeckt, aber Keiner im Dorf mochte es wagen, das Nest auszunehmen. Da erklärte der Höchstbauer zum Hohn für die Mannhafte Jugend des Orts, er werde es seine Walpurga thun lassen. Und richtig, die Wally war dazu bereit, zum Entsetzen der Weiber und zum Verdruß der „Buab’n“. „Höchstbauer, das heißt Gott versuchen“, sagten die Männer. Aber der Stromminger mußte seinen Spaß haben, alle Welt mußte es erfahren, daß das Stromminger’sche Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind herab seines Gleichen suche.“ Aus: Geier_Wally. Eine Geschichte aus den Tiroler Alpen, 1875. S. 4f.

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Beeindruckt von derartig großem sozialem wie auch körperlichem Wagemut faßte die  Münchner Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern das Abenteuer in ein sehr erfolgreiches Buch,  das von der  im Jahr 1875  veröffentlicht und in sieben Sachen übersetzt wurde. Das Geier-Erlebnis bildete dabei als Motiv den Hintergrund, um die Roman- und Fimheldin zu charakterisieren. Die dichterische Phantasie gallopierte entsprechend weit in Richtung Heimatroman, der allerdings äußerst erfolgreich war.

Lesenswert ist in diesem Zusammenhang die Rezeptionsgeschichte von Roman und Film, welche die Volkskundlerin Susanne Päsler in Zusammenarbeit mit sozialen Protestbewegungen von Frauen bringt:

„Die Beliebtheit des Themas beim Publikum ist nicht zuletzt auf die ungewöhnliche Figur der Walpurga Stromminger zurückzuführen, deren Geschichte immer dann eine Neubearbeitung erfuhr, wenn die Rückbesinnung der Frau auf ihre Rolle innerhalb der Familie von außen gefordert wurde.“ Aus: Susanne Päsler: Die Geier-Wally. Eine Romanfigur im Spiegel ihrer Popularität.

Das haben Mutter wie Großmutter aber beileibe nicht so gesehen. Für sie war das Bergmelodram wohl nur eine Schmalzgeschichte: „Als ob frau nicht schon ohnehin genug Probleme gehabt hätte!“

Schweizer Hirten

Durch Zufall habe ich den Ausschnitt eines Fims von Erich Langjahr gefunden: „Hirtenreise ins Dritte Jahrtausend“ (2002). Dabei habe ich mich an die Begegnung mit einem Schäfer und dessen Herde in der Ostschweiz erinnert, die an einem bitterkalten Wintertag stattgefunden hat. Die Herde zog vor uns über ein weitgestrecktes, verschneites Feld, überquerte die Straße und lagerte sich dann im nahegelegenen Waldstück.

Das Outdoorlife ist nicht mehr Spiel, sondern Erwerbstätigkeit und Teil der Existenz: Bushcraft erscheint demzufolge ein wenig lächerlich.