Zu Träumen beginnen

Die Urszene für meine literarischen Bemühungen geht mir nicht mehr aus dem Kopf: das Bild des Vogelmanns in der Höhle von Lascaux (Dordogne, Frankreich) aus der Jungsteinzeit.

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Ein vor einem Wisent am Rücken liegender (toter, träumender)  Mann mit erigiertem Glied, Vogelkopf und Krallenhänden. Daneben ein Totempfahl, an dessen Spitze ein Vogel sitzt. Der Wisent ist schwer verletzt, seine Innereien sind sichtbar, daneben ein gebrochener Speer. Funde vor dem Bild lassen schließen, dass es sich dabei um einen Kultplatz handeln könnte. Manche sprechen von einem Träumenden, der hier dargestellt wurde, manche sogar von einem Schamanen. Wiederum andere lehnen diese Interpretation ab und sehen in der Darstellung die symbolische Umdeutung von Planetenkonstellationen. Man sagt, der Vogelmann von Lascaux stehe am Anfang einer langen Tradition von Metamorphosen zwischen Mensch- und Tierwelt in der bildenden Kunst.

Wie auch immer die Interpretationen lauten mögen, mir geht es in diesem Fall nicht um eine genaue historische und wissenschaftlich abgesicherte Deutung, sondern um die Vorstellung vom Träumen und Schreiben in der Welt. Das soll für mich Literatur können: sich „hindurchträumen“ durch die Empirie der Welt, die Routinen, das Berechenbare in eine andere Welt, welche unser Dasein erst komplett macht.

Das Wilde in uns und dessen Abwehr

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Einladung vom Zeremonienmeister zum Gespräch unter Bäumen

Wie jedes Jahr reise ich im September nach Genshagen, um dort an der Akademie unter Bäumen teilzunehmen. Unter zwei großen Eichen sind Gartenbänke im Kreis aufgestellt, auf denen Menschen Platz nehmen, um über europarelevante Themen zu sprechen. Das Grundprinzip ist die wertschätzende Kommunikation: viele halten sich daran. Diesmal geht es um Roma/Sinti und kulturelle Bildung.

In der Natur zu sitzen und miteinander zu sprechen, verbreitet bei manchen ambivalente Gefühle. Man/frau ist an klimatisierte Räume gewohnt; hier im Park besteht die Gefahr mit jedweder Unbill der Natur konfrontiert zu werden, das sind diesmal konkret der Wind, ein paar wenige Regentropfen, das Rauschen der Blätterkronen, einige kleine Spinnentiere. Der Aufenthalt da draußen scheint von so viel Unwägbarkeiten bedroht.  Sebst eine kleine Spinne, die an der Jacke eines Refernten herumkrabbelt, kann dann in ängstliche Sorge versetzen. Lieber wird da der Referent in seinem Vortrag unterbrochen als das kleine Tierchen weiterhin gewähren zu lassen.

Spöttische Abwehr auch, als ich zwei Anwesende im Plauderton darauf hinweise, daß wir unter einer Eiche sitzen, einem Baum mit sakraler Bedeutung für die Kelten. Ich bezeichne den Ort unter dem Baum als möglichen Kraftort, gut geeignet um konstruktiv miteinander ins Gespräch zu kommen. Das mit den Eichen wird gar nicht gern gehört, das mit den Kelten auch nicht. Der Missbrauch, dem so manche Natursymbolik im Nationalsozialismus  ausgesetzt war, wiegt heute bei den Deutschen offenbar noch immer schwer. Bin ich also ein alternder Spinner, ein durchgeknallter Esoteriker oder gar ein Ewiggestriger? Irritationen allerorten über das Bedrohliche in und um uns.

Am Abend vorher hat man/frau uns eingeladen, uns auf die Bilder einzulassen, die in den Räumen des Schlosses aufgehängt wurden, mit ihnen in einen Dialog zu treten. Tatsächlich ist es so, dass die Bilder weniger über die dargestellten Personen erzählen, als vielmehr bewirken, dass wir sie als Anlaß nehmen können, mit uns selbst auseinanderzusetzen. Verdrängte, wilde, ungezähmte Gefühle also, mit denen wir uns ungern konfrontieren. Tatsächlich betrachte auch ich diese Bilder mit Unbehagen und würde sie nur ungern in meine Wohnung hängen. Aber sie faszinieren mich doch sehr und lassen mich eine Zeitlang nicht los.

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Lita Cabellut

Die Bilder sind von der spanischen Künstlerin Lita Cabellut, die bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr teilweise auf der Straße lebte, bevor sie von einer spanischen Adelsfamilie adaptiert wurde. „Durch ihr neues Lebensumfeld wurde sie an die Kunst herangeführt. Später studierte Cabellut an der Gerriet Rietveld Akademie in Amsterdam Malerei. Den bisherigen Höhepunkt ihrere Karriere erreichte Cabellut mit ihrer Ausstellung in Paris, wo sie innerhalb weniger Tage  alle ausgestellten Bilder verkaufte. Seit den letzten zwei Jahren eroberten ihre Gemälde die Museen der Welt. Lita Cabellut arbeitet vor allem auf großformatigen Leinwänden und bedient sich expressiver Gesten. Bevorzugt bildet sie vom Leben gezeichnete Menschen ab. Dabei versucht sie, neben dem Schmerz, Leid und Ellend vor allem ihre menschliche Größe, ihre „Grandeur“ zu zeigen. Heute lebt und arbeitet die Künstlerin in Den Haag.“ (Zitat Seminarunterlagen Genshagen)

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Lita Cabellut

Möblierung der Wildnis

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heißt die Malerei-Installation von Alois Moosbacher im Großen Saal des Linzer Lentos Museum. Nach einer Preisüberreichung im Rahmen der Ars Electronica 2014 zieht es mich dorthin, beunruhigt, daß die Ausstellung nur mehr bis diesen Sonntag geöffnet sein wird. Man/frau versäumt so viel aus Unachtsamkeit!

Im wunderschönen, von oben mit Licht geflutete Ausstellungsraum sind sorgsam die Leinwände platziert, künstlerisch bearbeitete Eindrücke aus dem Wald, die diesem nunmehr seltsam entrückt sind und kaum mehr an den realen Raum Wald erinnern. Es ist, als hätte M. den Wald neu erfinden müssen, mit dem Schwung und der Verve des nunmehr schon in die Jahre gekommenen „Neuen Wilden„,  als der er unvermeidlich immer wieder bezeichnet wird. Jede Romantisierung des Waldes vermeidend, sind Versatzstücke der Zivilisation ins Holz gebaut, die das widerspiegeln, was uns im Wald wohl manchmal stören mag, aber stets mit ihm verbunden ist. Der Wald ist selten anders heutzutage und mich stört dann darum eben der Begriff Wildnis sehr. Die Baumbilder – Serie an der einen Seite der Wand erinnern mich zwar an das Klischee von der Kathedrale Wald, bleiben aber seltsam ineinander verschränkt, stapeln sich übereinander – im Hintergrund von kleinen gemalten (!) Medienbildern durchlaufen.

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Ich bleibe lange in diesem Raum, bewundere die Zeichnungen, aber:  „…. es ist künstlich und gemacht, eine artifizielle Geschichte ….“, wie der Künstler im Gespräch mit Clarissa Ujvary meint. Nicht, daß ich dies der Kunst vorwerfen möchte, aber wahrscheinlich hat zuviel Konzeption mir den gerne staunenden und ergriffenen Blick kaputt gemacht. Ja die Entzauberung des Waldes durch einen sehr ironischen und sehr intellektuellen Gestus tut ein wenig weh.

Wiederum sehr gefällt mir der Text von Elisabeth Nowak-Thaller im vom Künstler selbst gestalteten Ausstellungskatalog: Hinterwälder. Eine Fantasy-Bildgeschichte von Heine bis Ramstein, von Trakl bis Kreisky.  In sehr assoziativer Weise und über die Bildersprache von Moosbacher hinausgehend, legt sie auf acht Ebenen die verschiedenen Möglichkeiten der Bedeutungen von Wald und Wildnis dar. Vollständigkeit oder Wissenschaftlichkeit ist nicht angestrebt, die unterschiedlichen kulturhistorischen Deutungsmuster werden aber sichtbar. Das reicht vom Wald als Angstraum, Märchen – und Zufluchtsort bis hin zu literarischen Interpretationsversuchen (Trakl, Heine, Hesse) und gegenwärtiger Popkultur. Und so wird auch der heutige Museumsnachmittag zur Gelegenheit mich mit meinen Assoziationen zum Thema zu beschäftigen.
Ich erinnere mich an einen Raum den ich einst in Secondlife gestaltet habe. Eine Kuppel, unter der eine alte offene Scheune im finsteren Wald angesiedelt war. Allgegenwärtig hohes Gras, dunkle angsterregende Ecken. Überall in der Landschaft verstreut Kunstwerke, die wie auf einer Müllhalde scheinbar wahllos gelagert war. Das Thema war Maschine – Mensch und überall standen jene eigenartigen Avatare herum, die anstelle eines Kopfes flimmernde Bildschirme trugen. Moosbacher konstruierter Raum ist das Gegenteil meiner finsteren Welt: hell, transparent, von großer, wenn auch kalter Schönheit und gnadenloser Ironie.
Zuletzt noch ein Zitat aus dem Ausstellungskatalog: ‚Das Lentos als Wildnispark mit Hinterhalt. Hinterholz im Hinterwald. Ich stecke schon wieder in einer Geschichte fest! Eine Sackgasse! Zurück zur Malerei! Moosbachers Natur ist nur Malvorwand.‘

Statt Waldeinsamkeit ein Haiku

carl spitzweg: einsiedler, violine spielend.

Irgendwann stoße ich in wikipedia auf den Begriff waldeinsamkeit, hantle mich durch die Gedichte der Romantiker bis ins 20. Jahrhundert, bin entsetzt über die Abgenütztheit der Bilder und kann keine Worte und Reime finden, die das ausdrücken, was der Wald für mich bedeutet.

Und dann ein Haiku von Michael Denhoff, mit dem ich leben kann, aber nicht völlig zufrieden bin:

keine Worte
für das Licht, das
mich streifte

Caspar Wolf und die Alpen

Wir beginnen unsere Reihe der europäischen Landschaftsmaler mit diesem, vor 250 Jahren verstorbenen Herren:

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Caspar Wolf (* 3. Mai 1735 in Muri AG; † 6. Oktober 1783 in Heidelberg) zählt zu den wichtigsten Schweizer Malern der Vorromantik und gilt als Pionier der Hochgebirgsmalerei. (wikipedia)

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Wer mehr von ihm sehen will, fährt nach Muri in die Schweiz ins Caspar Wolf Kabinett. Die Ausstellung läuft bis 31. Oktober 2013.