Die Eilende und der Troll

Juli 2014 073

Die beiden Flüsse Thur (dhu=die Eilende) und Necker (die Losstürmende) begrenzen das Toggenburg, die Necker fließt bei Lütisburg in die Thur. Knapp unterhalb (flußabwärts) gibt es eine breite Sandbank, an der im Sommer meist einem einfachen aber höchst beglückenden Vergnügen nachgehen: dem Wildbaden an einem Fluß. Dort haben wir uns vor einigen Wochen an einer versteckten und weidenüberhagenen Stelle niedergelassen. Als ich flußaufwärts watete, um Brennholz zu sammeln, habe ich mich wiederholt an derselben Stelle verletzt. Mehrere Wunden waren dies, die ich durch einen abgebrochenen Zweig am linken Oberarm und an der Hüfte davontrug und die nur sehr schlecht heilten. J. bemerkte mein Klagen und meinte schmunzelnd, dass ich wohl einen Naturgeist gestört hätte, der sich an diesem Ort niedergelassen hatte.

Ich nahm diesen Hinweis nach anfänglicher Skepsis ernst und bei meinem nächsten Besuch an diesem Wochenende brachte ich eines meiner aus Ton gefertigten Teelichthalter und Tabak mit, um an einer geschützten Stelle eine Art Altar zu bauen und mich bei dem Troll zu entschuldigen. Das Ritual war kurz, aber getragen von augenzwinkernder Ernsthaftigkeit.

Es wurde letztendlich ein wunderschöner Badetag an der Thur und es schien als hätte sich der Troll mit mir ausgesöhnt. Das Wasser war kalt, aber nicht zu kalt; der Fluß war reißend, aber nicht zu sehr, um darin zu schwimmen. Der Troll hatte mir an diesem Tag gutmütig für ein paar vergnügliche Stunden ein wenig Jugend wiedergeschenkt, die ich mit den Kindern mit Begeisterung teilte.

Bei den Kelten befand sich an Fluß- und Seenufern der Übergang zur Anderswelt. Diese Anderwelt hab ich schon immer gespürt.

 

Flussaufwärts durch Wasser, Schnee und Eis

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Seit unserem letzten Ausflug zur Necker hatte sich in mir der Gedanke festgesetzt, diesen Fluß von seiner Mündung in die Thur bis hinauf zum Ofenloch entlangzuwandern. Ich hatte mir also in der Zwischenzeit ein paar Kautschukstiefel von Viking besorgt, die ich mit Schisocken trug: gemeinsam mit Wanderstöcken das perfekte Mittel die glitschig kalten Ufergegenden und Sandbänke unten am Necker entlang zu wandern.Bild

Doch zuerst ein kleiner Versuch. An einer der berühmten Holzbrücken entlang des Necker fanden wir heute einen wunderschön und versteckt gelegenen Platz, der etwas mühsam zu erreichen war. Dort schlugen wir unser Lager auf und ich machte meine ersten Gehversuche im Wasser, flußaufwärts das neue Gehgefühl ausprobierend. Es ging ein Stück weit gut voran und beim Rückweg versuchte ich ein wenig trockenes Brennholz vom anderen Ufer zu sammeln und wieder zu unserem Lagerplatz zurückzukehren. Inzwischen hatte J. wieder eines der schönen Upside Down Lagerfeuer vorbereiten, wo wir dann letzten Endes saßen und das Rauschen des Neckers genossen.

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Schwer bepackt arbeiteten wir uns nach Einbruch der Dunkelheit wieder zu unserem Auto hinauf, zwei Säcke voll mit Abfall mit uns, die wir aus dem Uferbereich entfernt hatten. Es bleibt wohl nichts als Kopfschüttel darüber, wie kleine Paradiese gedankenlos zugemüllt werden.

An Necker und Thur

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Als ich mit meinen Streifzügen durch die Landschaften des Thurgaus begann, war ich zunächst enntäuscht. Die hügelige Landschaft war zum Großteil landwirtschaftlich genutzt, asphaltierte Feldwege machten das Wandern nicht gerade zum Genuß. Bis ich auf die Tobel stieß: enge Täler, die sich tief in das Molassegestein eingeschnitten haben und die im Gegenstück zur Hügellandschaft oft stark bewaldet sind: kleine Oasen ursprünglicher Natur, in denen es sich im Sommer vorzüglich lagern und baden läßt. Wald und Einsamkeit liegen also nicht Oben, sondern Unten in den geheimnisvollen engen und gewundenen Auengebieten der Bäche und kleinen Flüsse. Hinter jeder Kurve versteckt sich Neues, Unentdecktes.

Einen solchen Ort suchten wir dieses Wochenende. Dort wo die Necker in die Thur fließt, findet sich eines der weiter geschnittenen Tobel und wer sich dort im Winter auf das Mündungsgebiet einläßt, der findet an den aus Nagelfluh bestehenden Abbrüchen unbeschreiblich schöne, bizarres Eiszapfenvorhänge vor, welche von den Hängen hinabwachsen und genauso gefährlich aussehen wie sie auch sind: wenigstens für diejenigen, die sich an die Wände heranwagen. Hier nisten auch die Fledermäuse und Vögel, gut geschützt vor den Blicken der Menschen.

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Dort in der wärmeren Jahreszeit zu Campieren ist nicht ratsam. Die Necker schwillt rasch an und die Strömung wird reißend. S. war dort einmal in Bedrängnis geraten, weil sie in eine der Engstellen des Flussbettes gelockt worden war und Opfer der Strömung wurde. Zitternd vor Kälte landete sie am anderen Ufer und musste von dort erst mühsam geborgen werden.

Der Herbst jedoch ist die beste Jahreszeit, um sich dort ein wenig umzusehen. Und schon blüht die jungenhafte Entdeckerphantasie. Wie wäre es denn, im Flußbett die Necker hinaufzuwandern, ausgerüstet mit guten Regenstiefeln und einem selbstgemachten Wanderstock? Von Schotterbank zu Schotterbank sich flußaufwärts zu kämpfen, durch das auf seichtem Wasser treibende Laub. Viele Holzbrücken soll es ja geben, die man nun auch von unten betrachten könne.

Heute jedoch sind wir nur mit dem Hund im Mündungsgebiet der Necker. Begeistert nimmt der Hund die Spuren auf, gut gesichert an einem Paracord,  dessen anderes Ende wir an einen Baum gebunden haben. Wir befinden uns ja in einem Naturschutzgebiet. Ist hier Feuer machen erlaubt? Und werden wir einem Necker (=Wassermann) begegnen?

Aus großen Flussteinen habe ich versucht eine Art Reflektor zu bauen, eine Steinmauer vor unserem Hobo-Feuer, die sich aber kaum aufwärmt. Soll und muss sie auch eigentlich nicht, weil es für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm ist. Kaffee und Suppe reichen, Wärme muss nicht unbedingt sein. Es war ja nur eine Übung, um das Gefühl für etwas zu bekommen, was ich bislang nur auf Youtube gesehen habe. Und bewußt haben wir uns für den Hobo entschieden, um so wenig Spuren wie möglich in dieser Landschaft zu hinterlassen.

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