Keine frohe Ostern

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Osterkarte, um 1900. Wikimedia Commons.

Im gestrigen Standard ist anläßlich der Osterfeiertage eine Umfrage zum Glauben in Österreich veröffentlicht worden, die mich trotz aller Vorbehalte gegenüber dem Katholizismus doch sehr erstaunt hat. Der Kern der Gläubigen an die Katholische Kirche sei in den letzten Jahren auf kümmerliche 14 Prozent zusammengeschmolzen. Die Zustimmung zu esoterischen Praktiken seien hingegen überraschend groß (zur Wirksamkeit von „Karma“ 72% der Befragten, zur stärkenden Wirkung von „Kraftplätzen“ , zur Wirksamkeit Schamanistischer Praktiken 22%). Ein nicht unerheblicher Teil der sgn. „Taufscheinchristen“ scheint sich also aus unterschiedlichen Motiven wieder dem zuzuwenden, was die Kirche historisch gesehen mit Feuer und Schwert und anderen, weniger blutigen Maßnahmen dem gemeinen Volk ausgetrieben hat. Den Islam, als immer wichtiger werdende Religion in Österreich hat man offenbar in die Umfrage nicht aufgenommen bzw. islamische Gläubige gar nicht erst befragt.

Jetzt mag man die Abkehr von der Katholischen Kirche hin zu esoterischen Praktiken unterschiedlich beurteilen oder interpretieren: als eine Rückkehr zur Irrationalität (dasselbe kann man auch dem Glauben in den monotheistischen Religionen vorwerfen), als Ausdruck für den Ekklektizismus unserer Zeit (aber welche Zeiterscheinung wäre der medial vermittelten Beliebigkeit denn heute nicht unterworfen?) oder auch als Abkehr von einer völlig abgehobenen Katholische Kirche, die keine der gegenwärtigen Sinnfragen mehr zufriedenstellend zu beantworten imstande ist.  Fest steht jedenfalls, das immer mehr Menschen auf der Suche nach einer spirituellen Struktur sind, die sie in einer zersplitternden Welt, welche alles dem neuen Glaubensbekenntnis „Geldreichtum“ unterwirft, aufbewahren kann. Stück für Stück sucht man/frau sich also das zusammen, was für einen funktioniert bzw. in ein größeres System eingebunden, Halt verspricht.

Ich denke dabei an das Buch von Nimue Brown, das ich hier vor kurzer Zeit rezensiert habe. Everything goes, so meinte sie, solange es nur hilft, dem Ethos der Ehrlichkeit einem selbst gegenüber verpflichtet ist und keinem schadet. Warum auch nicht? Was ist etwa gegen die Naturreligiösität in schamanischer Tradition einzuwenden, welche die Natur achtet, ehrt und schützt? Ist sie denn nicht wahrhaftiger als eine Religion, die die Frau derart verachtet, dass sie ihr die das Recht entzieht, das Priesteramt ausüben zu dürfen? Und wie dürfen wir vor dem Hintergrund eines zerfallenden Christentums denn von jenen Heuchlern und Volksverhetzern halten, die Europa noch immer als Bollwerk des Christentums bezeichnen?

In diesem Sinne wünsche ich eben NICHT Frohe Ostern, denn mein Ostara habe ich schon längst gefeiert, mit all dem notwendigen Ekklektizismus bei Ritual, Gebet und Gottheit. Es fand mich auf der Suche nach dem Einklang mit der Natur. Aufs säkularisierte Ostereiersuchen habe ich mich nie so gut verstanden. Die Bigotterie der österreichischen Kirche ear sowieso nie mein Fall.


Nachtrag vom 5.04.2018

In einem Kommentar von Hans Rauscher hat der Standard zu dem Thema Glauben in Österreich noch einmal nachgelegt. In Umkehrung der derzeit verhandelten Diskussion, ob der Islam zu Europa gehöre, fragt er: „Gehört der Katholizismus noch zu Österreich?“ Darin finden sich auch Zahlen zum islamischen Glaubensbekenntnis.

 

Gefährliche Sinnsuche

Es ist schon eine vertrackte Sache mit der Sinnsuche. Wer meint, daß Sinnsuche in unserer säkularisierten Welt keine Bedeutung mehr habe, der irrt, wenigstens laut Lisa Marchiano in einem Artikel in Quilette (Our Search for Meaning and the Danger of Possession, engl.). Dort greift die Familientherapeutin die C.G. Jung’sche Idee von einem, jedem Menschen innewohnenden religiösen Instinkt auf. Trotz der Abwendung der Menschen von den großen Religionssystemen, die als nicht mehr zeitgemäß und lebensunterstützend empfunden werden, sei die religiöse Sinnsuche weiterhin ein bedeutender Bestandteil unserer Natur geblieben. Säkularismus bedeute also nicht das Ende religiösen Empfindens, sondern nur die Veränderung seiner Ausdrucksformen.

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Copyright: Tinderness

Sie verweist an dieser Stelle auf einen Artikel in der New York Times mit dem Titel „Don’t believe in God? Maybe you’ll Try U.F.O.S!“ Dort argumentiert der Autor Gray Matter, daß zwar der traditionelle Glaube und die aktive Mitgliedschaft in den Glaubensgemeinschaften in den U.S.A. sinke, nicht jedoch das Interesse an Religiösität, gerade angesichts der Vielzahl an existentiellen Fragen und Unsicherheiten, die sich in der gegenwärtigen Welt stellen. Dieser Befund ist auch für die europäischen Gesellschaften gültig.

Wir leben also in keiner „gottlosen“ Welt, sondern (und hier zitiert Marchiano James Hollis):

Quite the contrary. We have too many of them. Too many surrogates with which the ego seeks to resist the spiritual vacuum of modernism. Besieged by pseudo-deities such as Power, Wealth, Health, Pleasure, Progress, we grow more and more alienated from nature, from each other, and from ourselves.

An diese anderen Götter zu glauben, geschehe meistens unbewusst und ohne die explizite Referenz auf religiöse bzw. spirituelle Prozesse. Und sie sei für Individuum und Gesellschaft auch deshalb gefährlich, weil diese unbewußte  Glaubenssuche nicht mit Sinngebungen von anhaltender Bedeutung verbinde.

Aber selbst, wenn wir uns von diesen neuen „Göttern“ fernhalten, lauern weitere Fallstricke auf uns. Denn sich mit dem Unendlichen in Verbindung zu setzen, berge immer auch die Gefahr in sich, einer Art „Bessessenheit“ anheim zu fallen und den eigenen Platz, das heißt die eigene Sterblichkeit und die eigene Natur zu verleugnen und in die Unendlichkeit zu verlängern. Derartig anmaßende Grenzüberschreitungen wurden in der Antike Hyprib, bzw. Superbia genannt. C.G. Jung bezeichnete solche Dynamiken als pathologischen Willen zur Macht.

Lisa Marchiano führt an mehreren Beispielen aus, was mit dieser Besessenheit gemeint sein könnte, etwa am Beispiel des selbsternannten „Bärenflüsterers“ Timothy Treadwell oder der Drachenfrau Eva Tiamat Medusa. Ein weiterer Fallstrick in diesem religös motivierten Willen zur Macht liege in der politischen orientierten Besessenheit. Ideologien und „-isms“ bieten eine ideale Projektionsfläche für quasi-religiöse Verehrung. Am Beispiel der „White Supremacy“ oder anderer glaubensbasierter Kreuzzugsphänomene macht die Autorin klar, dass dabei ein Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ konstruiert wird, der irrationales und menschenverachtendes Verhalten erst möglich macht und als selbstverständlich akzeptiert.

Um nicht in diese psychologischen Fallstricke zu geraten, bliebe als „menschengerechte“ und gesunde Reaktion die Selbstbeschränkung und Demut vor unserer eigenen Natur:

An awareness of our dependence upon that which is larger breeds the humility without which wisdom is not possible. It reminds us that our ego is just a small part of us, and is dependent upon – and easily influenced by – irrational, unconscious forces that are beyond our full understanding.

Die Schwarze Madonna vom Pelagiberg

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In das Zentrum des ultrakonservativen Christentums führt uns unser Ausflug am Sonntag. Der Neuen Züricher Zeitung entnehme ich, daß sich dort eine „Katholische Trutzburg“ befinde, an der die „ultrakonservativen Petrusbrüder streng nach altem tridentinischen Ritus predigen und exerzieren“. Welch Ironie des Schicksals, gerade hier sich auf die Suche nach den Resten des Heidentums zu begeben. Fast schon Häresie, die Entstehung der Verehrung einer Schwarzen Madonna auf einen Fruchtbarkeitsritus zurückzuführen, wie dies Kurt Derungs und Christina Schlatter in ihrem Buch Quellen, Kulte, Zauberberge. Landschaftsmythologie der Ostschweiz und Vorarlbergs. tun. Wie schreiben sie in ihrem Kapitel über den Pelagiberg:

„Die schwarze Frau vom Pelagiberg setzt wahrscheinlich eine vorchristliche Ortstradition fort. Dies zeigt der Blick auf die archäologischen und mythologischen Befunde der Umgebung. (….) In landschaftsmythologischer Sicht stellt der Pleagiberg mit seiner ovalen Form yselbst einen natürlichen Grabhügel dar. Es ist der Körperhügel der schwarzen Erdenmutter und Winteralten, wo sich die Anderswelt und das Jenseitsparadies der Ahnen befindet. Gleichzeitig ist der Hügel aber auch ihr schwangerer Erdbauch, aus dem die Ahnfrau neues Leben hervorbringt. Der Ort ist kraftgeladen, unter dem Altar mit der Schwarzen Madonna sollen sich Wasseradern kreuzen.“

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Am Friedhof vor der Pfarrkirche sitzen wir letztendlich, blicken dabei auf den Bodensee und genießen den leichten Wind, der im Baum raschelt. Wir diskutieren über weiße, rote und schwarze Madonnen, Raben als Boten der Anderswelt und den Kampf der Kirche gegen das Heidentum; dass die Marienverehrung historisch gesehen mit ein Instrument der Kirche bei der Neuausrichtung einer matriarchal ausgerichteten Gesellschaft auf das männlich geprägte Christentum war; dass das Schwarz einer Madonna weniger mit ihrer Verschmutzung zu tun hat als mit der Symbolik einer alternden Frau, die auf das Diesseits ausgerichtet ist.

Wir genießen dabei die beeindruckende Stille dieser Landschaft. Nichts erscheint eindeutig in dieser Welt und die Orientierung ist nicht einfach gegeben. An Orten wie diesen jedoch, scheint die Zeit stehenzubleiben und der Kopf und die Seele freizuwerden für den Blick auf uns selbst. Die Widersprüche sind dann plötzlich keine mehr. Heiden unter sich, das sind wir an diesem Ort. Und von der Trotzburg bleibt nur mehr wenig übrig, je sicherer man/frau sich selbst ist. Maria kehrt in ihren eigenen Schoß zurück und wird zur unheiligen Jungfrau. Ich nehme mir vor, dieses Buch zu kaufen.

 

 

Der Iddaberg

Eng verknüpft ist die Iddalegende mit dem Kloster Fischingen. Über die Iddalegende habe ich ja vor kurzem geschrieben und eine Fortsezung versprochen. Ich kann aber nicht über die Interpretationsmöglichkeiten der Legende sprechen, so lange die Orte und die Landschaft der Legende nicht beschrieben sind, mit der diese Legende so eng verbunden ist: die Iddaburg (vormals Alt-Toggenburg), das Kloster Fischingen, die Ortschaft Gähwil und Au im Murgtal.

Die Iddaburg hat sich ja seit der Mitte des letzten Jahrhunderts zu einem nicht unbedeutenden Wallfahrtsort für die Region entwickelt. Das hängt auch mit dem an ihr vorbeiführenden Jakobsweg (aka Schwabenweg) zusammen, der das in der Nähe liegende Kloster Fischingen als Station nimmt. Wallfahrtsort ist die Iddaburg seit 150 Jahren. Die auf der Anhöhe der Iddaburg befindliche Kirche und das Restaurant, sowie die an einem Hang eingelassene Lourdesgrotte liegen an jener Stelle, wo sich einst die Stammburg der Toggenburger vom 11. bis zum 14. Jahrhundert (Alt-Toggenburg) befunden hatte. Von dieser Burganlage sind kaum auffindbare Reste vorhanden, das Mauerwerk wurde für die im Tal gelegene Kirche von Gähwil verwendet.

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Tatsächlich ist ein besuch der Iddaburg lohnend, auch wenn man dem Unterfangen von Wallfahrten skeptisch gegenübersteht. Vor allem der Ausblick auf den dichten Wald Richtung Grat und Hörnli ist beeindruckend, die Lourdesgrotte überraschend stimmig, die Kirche mit einer Schwarzen Madonna, einer Iddastatue und einem Iddagemälde bestückt und schönen Kirchenfenstern versehen und im Restaurant zu sitzen und auf Gähwil und weiter Richtung Bodensee zu blicken, tut gut. Dennoch stört der Begriff „Absturzstelle“ bei jenem Schild, das auf den Ort hinweist, wo Idda angeblich fast zu Tode gekommen wäre. Zu neutral und entemotionalisiert, vielleicht sogar heuchlerisch scheint es mir, damit eheliche Gewalt, ja einen Mordversuch zu verschleiern.

Dennoch, die Iddaburg ist empfehlenswert, sei es zu Fuß oder per Auto. Der Wanderer erreicht sie am Besten von Fischingen aus, wohin uns in Schweizer Zuverlässigkeit ein Bus bringt. Vor rund 150 Jahren war es bei weitem nicht so bequem, man musste als Wanderer den langen Weg von der Bahnstation in Sirnach auf sich nehmen.

Eine diesbezüglich interessante Textpassage aus dem 19. Jahrhundert habe ich in den Wanderstudien aus der Schweiz des Eduard Osenbrüggen gefunden. In diesem Buch beschreibt der Autor nicht nur die Geschichte des Klosters Fischingen und präsentiert die Iddalegende in einem sehr nüchternen Stil, sondern er wandert auch auf jene Anhöhe, die heute Iddaburg heißt. Ich möchte die Lektüre des 1867 erschienenen Buches all jenen empfehlen, die sich einen Überblick über die Iddalegende verschaffen wollen.Es ist auch als PDF downloadbar.

Hier eine Textstelle, die auf die Anfänge des heutigen Wallfahrtsortes hinweisen:

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