Ein Blick auf Idda in der Natur um die Toggenburg

14432978119_f876c63fba_bBei meinem Aufstieg vom Kloster Fischingen aus, kam ich oberhalb des Höllwalds zu einer Waldkapelle, die der Idda von Toggenburg geweiht ist.  Kurze Zeit später, auf dem Plateau des Otteneggs eröffnete sich der Blick auf die Iddaburg, also jenem Ort, der auf den alten Ruinen der alten Burg erbaut wurde, an der Idda, eine schwäbische Adelige angeblich gelebt hatte.  Ich begegne ich einem alten Bauern, der noch per Hand Heu macht. Wir grüßen einander freundlich und er zeigt mit seiner Hand zur Iddaburg hinüber, wo die Kirchenglocken um halb elf Uhr vormittags zu schlagen begonnen haben. „Schön, nicht wahr?“, sagt er in seinem für mich halb verständlichen Schwyzerdütsch und beide sind wir froh, am Leben zu sein und uns an diesem Tag begegnen zu dürfen. Wir wechseln wenige, aber herzliche Worte. Er ist froh, in seinem Alter noch das Heu machen zu können. Idda scheint lebendig zu sein.

Weiter geht meine Wanderung auf den Grat, den höchsten Punkt des Thurgaus, weiter hinab nach Allewinden und von dort auf das Hörnli. Bei meiner Rückkehr nach Fischingen, wo ich auf den Bus nach Wil warte, führt mich der Weg an einer weiteren, der Idda geweihten Waldkapelle vorbei. Und schließlich, im Kloster Fischingen, werde ich von einem lokalen Führer als Pilger (v)erkannt. Er bietet mir an, mich der Führung durch die Pfarrkirche von Fischingen anzuschließen,was ich gerne annehme. Auch hier der prominente Verweis auf die Heilige, der ein ganzer Seitentrakt gewidmet ist. Pilger am Schweizer Jakobsweg (hier Schwabenweg genannt), die ihre Beine in eine Aussparung ihres Sarkophages stecken, dürfen erwarten, dass sie ihre Wanderung guten Fußes hinter sich bringen werden. Auch Wunschzettel werden dort eingeworfen. Es sieht so aus, als würde der Ort oft genutzt.

Seit jener Wanderung, an der ich so oft der Heiligen Idda begegnet war, läßt mich die Legende um diese (möglicherweise historisch belegte) Person nicht mehr los.

Warum geht es also bei der Legende der Idda von Toggenburg? Da ist zunächst die Fassung der römisch-katholischen Kirche. Die Geschichte der Frau, die angeblich im 12. Jahrhundert gelebt hat, aus Schwaben stammte und mit dem Burgherren Heinrich von Toggenburg vermählt war, fasziniert, ist sie doch ein Mosaik aus unterschiedlich beeinflußten Erzählsträngen , die bis heute lebendig geblieben sind. Erhalten geblieben ist ein lateinischer Text, der im 15. Jahrhundert vom Abt des Klosters Fischingen in Auftrag gegeben wurde, um damit die Legende in Verbindung mit dem Neubau des Klosters Fischingen neu zu beleben. Dieser vom Humanisten Albrecht von Bonstetten im Kloster in Einsiedeln im Auftrag des Abtes des Klosters in Fischingen verfaßte Text geht auf mündliche Überlieferungen aber auch auf Unterlagen zurück, die heute nicht mehr erhalten sind. Bis heute ranken sich um den Kern der Geschichte viele weitere kleine Geschichten, die das christlich-göttliche weiter dokumentieren und erweitern sollen. Der Bedarf an christlicher Tröstung durch Heiligengeschichten dürfte bis heute im Hinterthurgau groß sein. Und jede Epoche erzählt offenbar ihre eigene Iddalegende.

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Kurz zur Geschichte. Idda wird, verleumdet bzw. fälschlich beschuldigt, zum Opfer ehelicher Gewalt. Der eifersüchtige Ehemann und Burgherr stürzt seine Gemahlin aus dem Erker der auf einem hohen Felsen gelegenen Burg, wo sie aber nicht zu Tode kommt, sondern durch „Gottes Fügung“ mehr oder weniger unverletzt sich im Unterholz des Abhanges verfängt. Sie hält sich  eine Zeitlang versteckt und lebt versteckt in einer Höhle. Doch ihr Eremitinnendasein bleibt nicht verborgen. Nach ihrer Auffindung bleibt sie zunächst noch in ihre Klause leben, zieht dann jedoch in das nahegelegene Kloster Fischingen, das damals auch ein Frauenkloster beherbergt. Dort weiht sie ihr Leben einem neuen Herren, nämlich Jesus Christus. Den reuemütigen ehelichen Gewalttäter, der wohl das Gewalttätige seines Verhaltens reut und der sie zur Rückkehr in die Burg bewegen will, weist sie zurück. Und so lebt sie bis zu ihrem Tod im Kloster, als Inklusin eingeschlossen in ihrer Zelle und nur durch ein kleines Fenster mit der Umwelt verbunden. Den Versuchungen und Listen des Teufels widersteht sie. Heute ist sie die Schutzheilige bei Leib- und Kopfschmerzen, Schwangerschaftsbeschwerden und für das Wiederfinden von entlaufenem Vieh.

Interessant für dieses Blog macht ihre Geschichte jedoch erst durch die enge Verwobenheit eines persönlichen Schicksals mit der Natur, die bis heute mit dichten Wälder die steilen Hügel der Toggenburg und ihrer Umgebung prägt. Auf drei wichtige Natursymbole weist die Geschichte hin: den Raben, den Hirschen und die Höhle. Doch davon mehr in meinem nächsten Beitrag, denn da wird es nach all dem Vorgeplänkel richtig spannend.

 

 

Die Eilende und der Troll

Juli 2014 073

Die beiden Flüsse Thur (dhu=die Eilende) und Necker (die Losstürmende) begrenzen das Toggenburg, die Necker fließt bei Lütisburg in die Thur. Knapp unterhalb (flußabwärts) gibt es eine breite Sandbank, an der im Sommer meist einem einfachen aber höchst beglückenden Vergnügen nachgehen: dem Wildbaden an einem Fluß. Dort haben wir uns vor einigen Wochen an einer versteckten und weidenüberhagenen Stelle niedergelassen. Als ich flußaufwärts watete, um Brennholz zu sammeln, habe ich mich wiederholt an derselben Stelle verletzt. Mehrere Wunden waren dies, die ich durch einen abgebrochenen Zweig am linken Oberarm und an der Hüfte davontrug und die nur sehr schlecht heilten. J. bemerkte mein Klagen und meinte schmunzelnd, dass ich wohl einen Naturgeist gestört hätte, der sich an diesem Ort niedergelassen hatte.

Ich nahm diesen Hinweis nach anfänglicher Skepsis ernst und bei meinem nächsten Besuch an diesem Wochenende brachte ich eines meiner aus Ton gefertigten Teelichthalter und Tabak mit, um an einer geschützten Stelle eine Art Altar zu bauen und mich bei dem Troll zu entschuldigen. Das Ritual war kurz, aber getragen von augenzwinkernder Ernsthaftigkeit.

Es wurde letztendlich ein wunderschöner Badetag an der Thur und es schien als hätte sich der Troll mit mir ausgesöhnt. Das Wasser war kalt, aber nicht zu kalt; der Fluß war reißend, aber nicht zu sehr, um darin zu schwimmen. Der Troll hatte mir an diesem Tag gutmütig für ein paar vergnügliche Stunden ein wenig Jugend wiedergeschenkt, die ich mit den Kindern mit Begeisterung teilte.

Bei den Kelten befand sich an Fluß- und Seenufern der Übergang zur Anderswelt. Diese Anderwelt hab ich schon immer gespürt.